Chloris
1708In jenem zarten Alter, Als ich mit meinem Schäfchen Mich noch zu messen pflegte Und älter war, doch kleiner, Als mein getreues Schäfchen, Da folgt ich schon der Chloris, Wie mir mein treues Schäfchen. Auch schon in jenen Zeiten War sie in meinen Augen Mehr als ein sterblich Mädchen, Und ist noch eine Göttin, Und mir die schönste Göttin, Die jemals sichtbar worden. Einst sagt′ ich ihr: ich liebe; Ich liebe dich, o Chloris. Dies war des Herzens Sprache, Dies sagten meine Seufzer; Die kindisch blöde Zunge Ließ Herz und Seufzer reden Und fand sich keine Worte. Doch mich verstand die Schöne Und schenkte mir ein Mäulchen, Ein unvergeßlich Mäulchen. Und sprach zu mir: Du Kleiner, Du kennst noch nicht die Liebe. Seitdem entbrannte Chloris, Jedoch für andre Schäfer. Seitdem fing mancher Schäfer Aus Chloris Augen Feuer. Seitdem kam ich ins Alter, In dem wir Menschen lieben, Wie unsre Väter liebten. Es reiften meine Jahre, Es gab mir jeder Frühling Mehr Zärtlichkeit und Wünsche.
Noch jetzt verehr′ ich Chloris; Mir aber ist sie spröde Und wünscht nicht zu erfahren, Ob ich die Liebe kenne; Und jener süßen Stunde Und ihres kleinen Schäfers Und ihres holden Kusses Vergißt die stolze Schöne. Nur ich kann ihrer Lippen, Die sie mir lächelnd reichte, Nur ich kann ihres Kusses Und ihrer nicht vergessen.
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Interpretation
Das Gedicht "Chloris" von Friedrich von Hagedorn erzählt von der unerfüllten Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau namens Chloris. Der Sprecher blickt auf seine Kindheit zurück, als er noch jung und unschuldig war und Chloris als Göttin verehrte. Er erinnert sich an den ersten Kuss, den sie ihm gab, als er ihr seine Liebe gestand, aber noch nicht verstand, was Liebe bedeutet. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt der Sprecher, wie Chloris seitdem andere Verehrer gefunden hat und ihm gegenüber abweisend ist. Er ist in das Alter gekommen, in dem man Liebe erfährt und empfindet, aber Chloris scheint seine Gefühle nicht mehr zu erwidern oder sich an ihre gemeinsame Vergangenheit zu erinnern. Der Sprecher ist von Sehnsucht und Verlangen erfüllt, während Chloris gleichgültig und stolz erscheint. Der letzte Teil des Gedichts betont die einseitige Natur der Liebe des Sprechers. Er ist der Einzige, der sich an den Kuss und die Lippen von Chloris erinnert, während sie scheinbar alles vergessen hat. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Liebe des Sprechers zu Chloris unerwidert bleibt und dass er der Einzige ist, der die Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit bewahrt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mehr als ein sterblich Mädchen
- Anapher
- Seitdem entbrannte Chloris, Seitdem fing mancher Schäfer
- Hyperbel
- Und ist noch eine Göttin
- Metapher
- Als ich mit meinem Schäfchen
- Personifikation
- Als ich mit meinem Schäfchen
- Rhetorische Frage
- Ob ich die Liebe kenne
- Synästhesie
- Und schenkte mir ein Mäulchen, Ein unvergeßlich Mäulchen
- Vergleich
- Folgt ich schon der Chloris, Wie mir mein treues Schäfchen