Chloris
In jenem zarten Alter,
Als ich mit meinem Schäfchen
Mich noch zu messen pflegte
Und älter war, doch kleiner,
Als mein getreues Schäfchen,
Da folgt ich schon der Chloris,
Wie mir mein treues Schäfchen.
Auch schon in jenen Zeiten
War sie in meinen Augen
Mehr als ein sterblich Mädchen,
Und ist noch eine Göttin,
Und mir die schönste Göttin,
Die jemals sichtbar worden.
Einst sagt′ ich ihr: ich liebe;
Ich liebe dich, o Chloris.
Dies war des Herzens Sprache,
Dies sagten meine Seufzer;
Die kindisch blöde Zunge
Ließ Herz und Seufzer reden
Und fand sich keine Worte.
Doch mich verstand die Schöne
Und schenkte mir ein Mäulchen,
Ein unvergeßlich Mäulchen.
Und sprach zu mir: Du Kleiner,
Du kennst noch nicht die Liebe.
Seitdem entbrannte Chloris,
Jedoch für andre Schäfer.
Seitdem fing mancher Schäfer
Aus Chloris Augen Feuer.
Seitdem kam ich ins Alter,
In dem wir Menschen lieben,
Wie unsre Väter liebten.
Es reiften meine Jahre,
Es gab mir jeder Frühling
Mehr Zärtlichkeit und Wünsche.
Noch jetzt verehr′ ich Chloris;
Mir aber ist sie spröde
Und wünscht nicht zu erfahren,
Ob ich die Liebe kenne;
Und jener süßen Stunde
Und ihres kleinen Schäfers
Und ihres holden Kusses
Vergißt die stolze Schöne.
Nur ich kann ihrer Lippen,
Die sie mir lächelnd reichte,
Nur ich kann ihres Kusses
Und ihrer nicht vergessen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Chloris“ von Friedrich von Hagedorn zeichnet ein Portrait jugendlicher Liebe, die in kindlichem Enthusiasmus begann und sich im Laufe der Zeit in erwachsene Sehnsucht und unerwiderte Zuneigung wandelte. Der Dichter blickt auf seine erste Liebe, Chloris, zurück und beschreibt die unschuldige Verehrung, die er als Kind für sie empfand. Die Verwendung von Begriffen wie „Schäfchen“ und „Kleiner“ vermittelt eine kindliche Perspektive, die die Unbeschwertheit und Naivität der frühen Liebe hervorhebt.
Die Entwicklung des Gedichts spiegelt die Reifung des Dichters wider. Während er in jungen Jahren noch mit kindlicher Zunge „ich liebe“ sagte, wird die Liebe im Laufe der Zeit komplexer. Das Versprechen eines Kusses von Chloris, die seine Liebe zuerst nicht ernst nimmt, markiert einen Wendepunkt. In der Folgezeit wächst der Dichter heran, während Chloris sich anderen Schäfern zuwendet. Die Zeilen „Seitdem entbrannte Chloris, / jedoch für andre Schäfer“ verdeutlichen die Erfahrung des unerwiderten Gefühls und des Verlusts der anfänglichen, exklusiven Zuneigung.
Die Verwendung von Begriffen wie „Göttin“ und „schönste Göttin“ unterstreicht die Idealisierung der Chloris, die für den Dichter unerreichbar bleibt. Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit zeigt eine Sehnsucht nach der Unschuld und dem Glück der frühen Liebe. Gleichzeitig verweist die Beschreibung der „spröden“ Chloris und die Feststellung „Du kennst noch nicht die Liebe“ auf das Unverständnis, das der erwachsene Dichter heute empfindet, und die Kluft zwischen kindlicher Verehrung und erwachsener Liebe. Die Erkenntnis, dass Chloris die gemeinsame Vergangenheit vergessen hat, während der Dichter sie weiterhin verehrt, betont die einseitige Natur der Erinnerung und der Liebe.
Das Gedicht endet mit einer melancholischen Note, in der der Dichter die unvergesslichen Momente der frühen Liebe festhält. Er ist der Einzige, der die Erinnerung an den Kuss und die Zärtlichkeit bewahrt, während Chloris diese Phase ihres Lebens scheinbar vergessen hat. Dies unterstreicht die bleibende Wirkung der ersten Liebe und die Trauer über die unerwiderte Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld. Das Gedicht ist ein berührender Ausdruck des Verlustes, der Vergänglichkeit und der ewigen Sehnsucht nach der ersten, unschuldigen Liebe.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.