Charlotte Corday

Gertrud Kolmar

1943

Die in Schleiern schwebend und geweiht, Eine aschenblonde Kerze, glomm: Ihre Augen blühten klar und fromm, Ihre Hände griffen Dunkelheit;

Dunkelheit umschmiegte, was sie barg, Ihres Mordes streng erwählte Pflicht, Da sie ohne Flackern ihr Gesicht Leuchtend hinhob an den nahen Sarg.

In den düstern Käfig stieg sie hell. Ach, die Treppe war so schwer zu gehn! Jede Stufe ward ihr zehnmal zehn, Alle Stufen schwanden viel zu schnell.

Als ihr Mut die Glocke droben zog, Schrie das Herz, schrie Wehe ob der Hand, Rief so tönend, daß sie nicht verstand, Wie ihr Mund die Öffnende belog.

Jenes ernste, ungeschmückte Weib, Das den Dämon heilig liebte, ihn, Der von Flammenkronen widerschien… Und sie sah das Bad, den Männerleib,

Sah die Schulter nackt, die breite Brust, Um sein Haupt ein wunderliches Tuch, Spürte dünnen Arzeneigeruch, Fand in falbem armutskranken Dust

Linnen, Wanne, Brett und Tintenfaß, Federkiel, der winkte. Und sie kam, Warf vom Lid die Röte ihrer Scham, Riß ums Antlitz blendend ihren Haß,

Saß so stark und zitternd zu Gericht, Bot den Zettel, den er fiebrig griff, Wiederholte schweigend dieses: “Triff!”, Fest sich fassend schon. Sie wußte nicht,

Daß er groß war. Aber sie war rein, Stahl, der seine Feuerpranke brach. Sie erglänzte, zuckte auch und stach Als ein Messer blitzend in ihn ein.

Werkzeug, gleich umklammert und zerschellt; Heldin, die dem Glauben starb. Er ruht. Aus der Wunde fließt sein Herz, sein Blut Über Frankreich strömend in die Welt.

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Illustration zu Charlotte Corday

Interpretation

Das Gedicht "Charlotte Corday" von Gertrud Kolmar handelt von der Hinrichtung der französischen Revolutionärin Charlotte Corday, die den radikalen Jakobinerführer Jean-Paul Marat ermordete. Das Gedicht beschreibt Cordays inneren Kampf und ihre Entschlossenheit, ihre Tat als notwendig für die Rettung Frankreichs zu sehen. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung von Cordays Erscheinung, die als "aschenblonde Kerze" dargestellt wird. Ihre Augen werden als "klar und fromm" beschrieben, was ihre Entschlossenheit und ihren Glauben an ihre Sache zeigt. Die Dunkelheit, die sie umgibt, symbolisiert die Schwere ihrer Aufgabe und die moralische Ambivalenz ihrer Tat. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt Cordays Weg zu Marat und ihre inneren Kämpfe auf dem Weg. Die Treppe wird als "schwer zu gehen" beschrieben, was ihre Zweifel und Ängste symbolisiert. Die "Glocke" oben symbolisiert die Entscheidung, die sie treffen muss, und das "Herz, das schrie", zeigt ihre innere Zerrissenheit. Der dritte Teil des Gedichts beschreibt die Tat selbst. Corday wird als "ernste, ungeschmückte Frau" dargestellt, die Marat mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Hass betrachtet. Sie reißt sich "die Röte ihrer Scham" vom Gesicht, was ihre Entschlossenheit und ihren Mut zeigt. Das Messer, das sie in Marat sticht, wird als "Blitz" beschrieben, was die Schnelligkeit und Brutalität der Tat symbolisiert. Das Gedicht endet mit einer Beschreibung von Cordays Hinrichtung und Marats Tod. Cordays Blut fließt "über Frankreich strömend in die Welt", was ihre Tat als Opfer für die Nation symbolisiert. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass Corday "Heldin" war, die "dem Glauben starb", was ihre Tat als heldenhaften Akt der Selbstaufopferung darstellt.

Schlüsselwörter

dunkelheit schrie herz sah schleiern schwebend geweiht aschenblonde

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
schrie das Herz, schrie Wehe ob der Hand
Bildsprache
Und sie sah das Bad, den Männerleib
Hyperbel
Aus der Wunde fließt sein Herz, sein Blut Über Frankreich strömend in die Welt
Metapher
Heldin, die dem Glauben starb
Personifikation
Ihre Hände griffen Dunkelheit
Symbolik
Werkzeug, gleich umklammert und zerschellt
Vergleich
Als ein Messer blitzend in ihn ein