Chamonix beim Sonnenaufgange

Friederike Sophie Christiane Brun

1812

Im Mai 1791

La Terra, il Mare, le Sfere Parlan del tuo potere. Metastasio.

Aus tiefen Schatten des schweigenden Tannenhains Erblick′ ich bebend dich, Scheitel der Ewigkeit, Blendender Gipfel, von dessen Höhe Ahndend mein Geist ins Unendliche schwebet!

Wer senkte den Pfeiler tief in der Erde Schooß, Der, seit Jahrtausenden, fest deine Masse stützt? Wer thürmte hoch in des Aethers Wölbung Mächtig und kühn dein umstrahltes Antlitz?

Wer goß euch hoch aus des ewigen Winters Reich, O Zackenströme, mit Donnergetös′ herab? Und wer gebietet laut mit der Allmacht Stimme: »Hier sollen ruhen die starrenden Wogen!«

Wer zeichnet dort dem Morgensterne die Bahn, Wer kränzt mit Blüthen des ewigen Frostes Saum? Wem tönt in schrecklichen Harmonieen, Wilder Arveiron, Dein Wogengetümmel?

Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis; Lavinendonner rollen′s die Kluft hinab; Jehovah! rauscht′s in den hellen Wipfeln, Flüstert′s an rieselnden Silberbächen.

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Illustration zu Chamonix beim Sonnenaufgange

Interpretation

Das Gedicht "Chamonix beim Sonnenaufgange" von Friederike Sophie Christiane Brun beschreibt die ehrfurchtgebietende Schönheit und die geheimnisvolle Entstehung der Alpenlandschaft um Chamonix. Die Dichterin steht in tiefer Bewunderung vor der majestätischen Bergwelt und fragt sich, wer diese gewaltigen Gipfel und Gletscher geschaffen haben könnte. Die Sprache ist von Staunen und Ehrfurcht geprägt, wobei die Natur als Werk einer höheren Macht dargestellt wird. Die Gedicht beginnt mit einem Zitat von Metastasio, das die Macht der Erde, des Meeres und der Sphären preist. Dies leitet über zur Beschreibung der Alpenlandschaft, die die Dichterin in tiefer Bewunderung betrachtet. Die majestätischen Gipfel werden als "Scheitel der Ewigkeit" bezeichnet, was ihre zeitlose und unendliche Erhabenheit unterstreicht. Die Dichterin fragt sich, wer die Berge erbaut und die Gletscherströme geformt haben könnte, und vergleicht die Szenerie mit einem göttlichen Werk. Im weiteren Verlauf des Gedichts werden die Gletscherströme und die tosenden Wasserfälle beschrieben, die von der Kraft der Natur zeugen. Die Dichterin fragt sich, wer diese gewaltigen Wassermassen geformt und den Bächen ihren Lauf gegeben haben könnte. Die Natur wird als ein Werk Gottes dargestellt, der die Berge und Gletscher geschaffen und die Elemente beherrscht hat. Das Gedicht endet mit dem Ausruf "Jehovah! Jehovah!", der die göttliche Schöpfung und die Macht der Natur unterstreicht. Die Dichterin hört die Stimme Gottes im Krachen des Eises, im Donnern der Lawinen und im Rauschen der Bäche, was die tiefe Verbundenheit zwischen Natur und Göttlichkeit betont.

Schlüsselwörter

jehovah hoch ewigen mai terra mare sfere parlan

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mächtig und kühn dein umstrahltes Antlitz
Allusion
Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis
Anapher
Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis; Lavinendonner rollen′s die Kluft hinab
Apostrophe
Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis
Hyperbel
O Zackenströme, mit Donnergetös′ herab
Metapher
Scheitel der Ewigkeit
Onomatopoesie
Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis
Personifikation
La Terra, il Mare, le Sfere Parlan del tuo potere
Rhetorische Frage
Wer senkte den Pfeiler tief in der Erde Schooß
Vokativ
Jehovah! Jehovah! kracht′s im berstenden Eis