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Canova (6)

Von

Wär′ es gewiß, und hättest du nur dem entzückenden Leibe
Seine Gewänder verlieh′n, weil dir die Schaam es gebot,
Dann verehrt ich sie fast als Höchstes, doch leider befürcht′ ich,
Daß du die Lust nur nach dem, was sie verbergen, erzielst.

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Gedicht: Canova (6) von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Canova (6)“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine subtile und kritische Auseinandersetzung mit dem Werk des Bildhauers Antonio Canova, insbesondere mit dessen Darstellung der weiblichen Figur. Der Text offenbart eine Ambivalenz gegenüber Canovas Kunst, indem er Bewunderung mit dem Verdacht auf eine gewisse Doppeldeutigkeit und Obsession verbindet.

Die ersten beiden Zeilen drücken eine mögliche Wertschätzung aus. Der Sprecher idealisiert die vollendete Schönheit, die Canova in seinen Skulpturen einfing, und deutet an, dass die Verhüllung des Körpers, also die Kleidung, nur aus Schamgefühl des Künstlers entstand. Dies impliziert, dass die „Gewänder“ lediglich eine äußere Notwendigkeit darstellen, um die künstlerische Vollkommenheit zu bewahren und gleichzeitig die sittlichen Konventionen zu respektieren. Die Verehrung, die der Sprecher zum Ausdruck bringt, könnte sich auf die technische Meisterschaft und die Fähigkeit Canovas beziehen, Schönheit darzustellen.

Die zweite Hälfte des Gedichts kippt jedoch die anfängliche Wertschätzung. Das „doch leider befürcht′ ich“ markiert einen Wendepunkt und führt eine skeptische Note ein. Der Sprecher hegt den Verdacht, dass Canova die „Lust nur nach dem, was sie verbergen, erzielst“. Dieser Satz suggeriert, dass der Künstler in seinen Werken nicht nur die Schönheit selbst, sondern auch das Verborgene, die Intimität, die unter der Oberfläche liegt, inszeniert und begehrt. Es geht um die Anziehungskraft, die von dem Ausgesetzten, dem nicht Gezeigten ausgeht.

Waiblinger wirft damit die Frage nach den Beweggründen des Künstlers und nach der Beziehung zwischen Kunst und Begierde auf. Die Kritik zielt auf eine mögliche Obsession mit dem Verborgenen und wirft einen Schatten auf die vermeintliche Reinheit und Unschuld der Kunst. Der Text deutet an, dass die Faszination für die nackte Figur in Canovas Kunst möglicherweise nicht nur von ästhetischen, sondern auch von erotischen Motiven getrieben war. Damit wird das Gedicht zu einer Reflexion über die Ambivalenz der menschlichen Natur, die Schönheit bewundert, aber auch nach dem Verborgenen sucht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.