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Campo Vaccino

Von

Götter, wohin durch die Nacht? ich folge mit bebender Seele,
Ueber die Sinne habt ihr Nebel und Schleier gehüllt.
Götter, wohin? ich glaub′ es noch nicht, nur begeisterte Täuschung,
Nur ein verwegener Traum, aber nicht Wirklichkeit ist′s.
Träumte der Knabe nicht schon von der Stunde der großen Erscheinung,
O und es wäre nun mehr, mehr als ein fliehender Wahn?
Dürft′ ich es glauben, du hättest dieß Herz, o Genius Roma′s,
Hättest zu heiligem Schau′n endlich mein Auge geweiht?
Noch bin ich blind, und doch wandelt′s von furchtbaren Schatten der Vorwelt
Wie ein erstehendes Reich größerer Geister um mich.
Sind wir so nah′ schon? O leite mich du, mit schüchternem Fuße
Folg′ ich und schwanke – so gieb, Genius, doch mir die Hand!
Aber, o Donnerer, hilf, ihr zahllos uranischen Schaaren,
Götter des alten Olymps, stehet dem Menschen ihr bei?
Plötzlich vorm dämmernden Aug′ entfalten sich schwarze Gestalten,
Vor dem gewaltigen Geist reißt mir der Schleier entzwei,
Nacht der Erfüllung, des Schau′ns! was gewahr ich? das römische Forum?
Welch ein Schrecken, wie graut′s tausendgestaltig umher!
Ja das ist Rom! Dein Triumph, Septimius, ging mit dem Cäsar
Nicht zu Grabe, noch ragt düster sein Bogen empor!
Dort mit dem finstern Gebälk die Tempelsäulen der Eintracht,
Ueber des Abhangs Gebüsch, dort der tarpejische Fels!
Todtenruhe! aus Schutt und Trümmer und Säulen und Bögen,
Einsame Kirchen ans Grab römischer Götter gebaut!
Kaum, daß die stille Allee noch ein Mönch einsiedlerisch wandelt,
Kaum, daß ein flüchtlicher Wind nächtlich im Laube noch rauscht.
Jupiter Stator, wie schlank in der Kraft korinthischer Schönheit,
Ueberm verödeten Feld, deine Ruine sich zeigt!
Düstert nicht geisterhaft durch der Säulen erhabene Hoheit,
Halb nur erkennbar im Duft, Nero, dein goldner Palast?
Wag′ ich mich weiter! wie dort sich gigantische Bögen entfalten,
Sind sie′s, die Vespasian dankbar dem Frieden geweiht?
Wie auf der Felsenstirn der gebietrischen Wölbungen oben
Noch dem bewachsnen Gestein luftig ein Gärtchen entblüht!
Tief erschaudernd dem Geist des Verhängnisses steig′ ich hinunter,
Steig′ ich hinauf, wo mein Fuß Hügel von Marmor durchirrt.
Da urplötzlich starrt und thürmt in entsetzlichen Massen,
Wie ein zertrümmert Gebirg′, Vorwelt, dein Wunder sich auf!
Gleich dem Krater des wilden Vulkans, vom Donner zerspalten,
Oeffnet′s die Tiefe voll Grau′n furchtbar der schweigenden Nacht!
Unter den Tempeln umher und den Bergen voll einsamer Reste
Ragt′s wie der Vater der Welt unter den Ew′gen hervor.
Staunend steh′ ich: es zittert voll sanftem friedlichen Lichte
Ueber dem Schauergewölb lieblich im Aether ein Stern.
Götter, wie hold! er lächelt in zarter himmlischer Schöne
Ueber den Schrecken des Grab′s süß wie die Liebe herab.
Könnt′ ich mich trennen! versuch′ ich′s zu gehn, ich stehe gefesselt,
Diese titanische Nacht! ach und dies schmachtende Licht!
Langsam voll sinnendem Ernst schleich′ ich den Hügel hinunter,
Und ins verlassene Herz senkt sich der irrende Blick,
Nun so zerfallen, zerstört vom langen Sturme des Schicksals,
Ach, von der brennenden Gluth kühner Gefühle verzehrt,
Sieht es die blühende Welt nicht zur düsteren Ruine zertrümmert?
Wandl′ ich nicht einsam, das Herz bitt′rer Erinn′rungen voll?
Fühl′ ich im stummen Gemüth nur Eine Regung der Sehnsucht
Nach der Heimath, die mir jegliche Freude vergällt,
Ja, wo die lautere Seele geheim im Heiligthum liebte,
Selbst den Altar mir befleckt, der mich vom Pöbel getrennt?
Stille, das bleibe verscharrt im großen Grabe des Herzens,
Find′ ich ja Cäsars Welt über der Erde nicht mehr.
Aber o freundliches Licht, dir öffn′ ich die schaurige Stätte,
Wo meine Lieben geruht, todt und lebendig, mein Herz!
Sieh, schon umfängt mich herrlich der Siegesbogen des Titus,
Und durch die Bäume zurück wandl′ ich in schnellerem Schritt.
Schon entsteigt dem Abgrund dein graues Denkmal, Severus,
Deiner Colonnen Gestalt, Jupiter Donn′rer, dem Berg.
Und die Treppen hinauf, die steinernen, führt mich der Dämon,
Und dein gewalt′ges Bild dämmert mir auf, Capitol!
Und du umpfängst mich! den Geist voll erhab′ner Erinn′rungen wandl′ ich
Ueber den schweigenden Berg deine Paläste vorbei.
Wunderbar rauscht durch die Stille der Nacht der lebendige Brunnen,
Rossebänd′ger, wie zart lächelt euch Sternenlicht an!
Und ich eile hinab, und wende noch einmal mich rückwärts,
Und zu den Himmlischen steigt schaudernd ein heilig Gelübd′.

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Gedicht: Campo Vaccino von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Campo Vaccino“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Reflexion über die Begegnung des lyrischen Ichs mit den Ruinen des antiken Roms in der Nacht. Es ist eine komplexe Auseinandersetzung mit Geschichte, Vergänglichkeit, Sehnsucht und der Suche nach Bedeutung, eingebettet in eine traumartige, fast mystische Erfahrung.

Der Beginn des Gedichts ist von einer Suche nach dem Göttlichen und einer anfänglichen Verwirrung geprägt. Das lyrische Ich folgt einer unsichtbaren Führung, taumelnd zwischen Hoffnung und Zweifel, ob es sich tatsächlich in einem Zustand des „Schau’ns“ befindet, in dem es die heilige Stadt Rom erleben kann. Die Atmosphäre ist durchzogen von Ehrfurcht und dem Gefühl, sich an einem Ort von historischer und spiritueller Bedeutung zu befinden. Die Anrufung der Götter deutet auf eine tiefe Sehnsucht nach Erkenntnis und Transzendenz hin, verbunden mit einer gewissen Furcht vor dem Erlebten.

Im Verlauf des Gedichts wandelt sich die anfängliche Aufregung in ein tieferes Erschrecken und Staunen angesichts der Monumentalität und des Verfalls der römischen Ruinen. Das lyrische Ich erlebt das Forum Romanum, Triumphbögen, Tempelsäulen und das Kapitol. Die Betrachtung der zerfallenen Pracht, die Überreste einer vergangenen Größe, erzeugt eine Mischung aus Ehrfurcht, Schrecken und Melancholie. Waiblinger thematisiert die Vergänglichkeit menschlicher Macht und die unaufhaltsame Kraft der Zeit. Dabei wird die Verbindung von antiker Pracht und dem Zerfall durch die Natur (Gebüsch, Gestein, Gärtchen) besonders hervorgehoben.

Die Nacht, die zum Hintergrund der Erfahrung wird, verstärkt die mystische Stimmung und fördert die Kontemplation über Tod und Wiedergeburt, über die Überwindung des Todes durch Kunst und Erinnerung. Ein Stern, der über den Ruinen leuchtet, symbolisiert Hoffnung und Trost inmitten des Verfalls. Das lyrische Ich findet Trost im Wissen um das Fortbestehen des Lebens, trotz des Bewusstseins der Vergänglichkeit. Am Ende deutet die Hinwendung zu den Siegesbögen und dem Kapitol, begleitet von einem Gelübde, auf eine Versöhnung mit der Vergangenheit und eine Suche nach persönlicher Erneuerung und Bedeutung hin. Der Weg aus den Ruinen führt zurück in die Gegenwart und ermöglicht eine neue Perspektive.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.