Campo Vaccino

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Götter, wohin durch die Nacht? ich folge mit bebender Seele, Ueber die Sinne habt ihr Nebel und Schleier gehüllt. Götter, wohin? ich glaub′ es noch nicht, nur begeisterte Täuschung, Nur ein verwegener Traum, aber nicht Wirklichkeit ist′s. Träumte der Knabe nicht schon von der Stunde der großen Erscheinung, O und es wäre nun mehr, mehr als ein fliehender Wahn? Dürft′ ich es glauben, du hättest dieß Herz, o Genius Roma′s, Hättest zu heiligem Schau′n endlich mein Auge geweiht? Noch bin ich blind, und doch wandelt′s von furchtbaren Schatten der Vorwelt Wie ein erstehendes Reich größerer Geister um mich. Sind wir so nah′ schon? O leite mich du, mit schüchternem Fuße Folg′ ich und schwanke - so gieb, Genius, doch mir die Hand! Aber, o Donnerer, hilf, ihr zahllos uranischen Schaaren, Götter des alten Olymps, stehet dem Menschen ihr bei? Plötzlich vorm dämmernden Aug′ entfalten sich schwarze Gestalten, Vor dem gewaltigen Geist reißt mir der Schleier entzwei, Nacht der Erfüllung, des Schau′ns! was gewahr ich? das römische Forum? Welch ein Schrecken, wie graut′s tausendgestaltig umher! Ja das ist Rom! Dein Triumph, Septimius, ging mit dem Cäsar Nicht zu Grabe, noch ragt düster sein Bogen empor! Dort mit dem finstern Gebälk die Tempelsäulen der Eintracht, Ueber des Abhangs Gebüsch, dort der tarpejische Fels! Todtenruhe! aus Schutt und Trümmer und Säulen und Bögen, Einsame Kirchen ans Grab römischer Götter gebaut! Kaum, daß die stille Allee noch ein Mönch einsiedlerisch wandelt, Kaum, daß ein flüchtlicher Wind nächtlich im Laube noch rauscht. Jupiter Stator, wie schlank in der Kraft korinthischer Schönheit, Ueberm verödeten Feld, deine Ruine sich zeigt! Düstert nicht geisterhaft durch der Säulen erhabene Hoheit, Halb nur erkennbar im Duft, Nero, dein goldner Palast? Wag′ ich mich weiter! wie dort sich gigantische Bögen entfalten, Sind sie′s, die Vespasian dankbar dem Frieden geweiht? Wie auf der Felsenstirn der gebietrischen Wölbungen oben Noch dem bewachsnen Gestein luftig ein Gärtchen entblüht! Tief erschaudernd dem Geist des Verhängnisses steig′ ich hinunter, Steig′ ich hinauf, wo mein Fuß Hügel von Marmor durchirrt. Da urplötzlich starrt und thürmt in entsetzlichen Massen, Wie ein zertrümmert Gebirg′, Vorwelt, dein Wunder sich auf! Gleich dem Krater des wilden Vulkans, vom Donner zerspalten, Oeffnet′s die Tiefe voll Grau′n furchtbar der schweigenden Nacht! Unter den Tempeln umher und den Bergen voll einsamer Reste Ragt′s wie der Vater der Welt unter den Ew′gen hervor. Staunend steh′ ich: es zittert voll sanftem friedlichen Lichte Ueber dem Schauergewölb lieblich im Aether ein Stern. Götter, wie hold! er lächelt in zarter himmlischer Schöne Ueber den Schrecken des Grab′s süß wie die Liebe herab. Könnt′ ich mich trennen! versuch′ ich′s zu gehn, ich stehe gefesselt, Diese titanische Nacht! ach und dies schmachtende Licht! Langsam voll sinnendem Ernst schleich′ ich den Hügel hinunter, Und ins verlassene Herz senkt sich der irrende Blick, Nun so zerfallen, zerstört vom langen Sturme des Schicksals, Ach, von der brennenden Gluth kühner Gefühle verzehrt, Sieht es die blühende Welt nicht zur düsteren Ruine zertrümmert? Wandl′ ich nicht einsam, das Herz bitt′rer Erinn′rungen voll? Fühl′ ich im stummen Gemüth nur Eine Regung der Sehnsucht Nach der Heimath, die mir jegliche Freude vergällt, Ja, wo die lautere Seele geheim im Heiligthum liebte, Selbst den Altar mir befleckt, der mich vom Pöbel getrennt? Stille, das bleibe verscharrt im großen Grabe des Herzens, Find′ ich ja Cäsars Welt über der Erde nicht mehr. Aber o freundliches Licht, dir öffn′ ich die schaurige Stätte, Wo meine Lieben geruht, todt und lebendig, mein Herz! Sieh, schon umfängt mich herrlich der Siegesbogen des Titus, Und durch die Bäume zurück wandl′ ich in schnellerem Schritt. Schon entsteigt dem Abgrund dein graues Denkmal, Severus, Deiner Colonnen Gestalt, Jupiter Donn′rer, dem Berg. Und die Treppen hinauf, die steinernen, führt mich der Dämon, Und dein gewalt′ges Bild dämmert mir auf, Capitol! Und du umpfängst mich! den Geist voll erhab′ner Erinn′rungen wandl′ ich Ueber den schweigenden Berg deine Paläste vorbei. Wunderbar rauscht durch die Stille der Nacht der lebendige Brunnen, Rossebänd′ger, wie zart lächelt euch Sternenlicht an! Und ich eile hinab, und wende noch einmal mich rückwärts, Und zu den Himmlischen steigt schaudernd ein heilig Gelübd′.

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Illustration zu Campo Vaccino

Interpretation

Das Gedicht "Campo Vaccino" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit der römischen Vergangenheit und deren Überresten. Der Sprecher begibt sich auf eine nächtliche Reise durch das antike Rom, getrieben von einer tiefen Sehnsucht und Ehrfurcht vor den einstigen Größen der Stadt. Die Götter werden als Begleiter und Führer angerufen, die dem Sprecher helfen sollen, die Geheimnisse und die Pracht der vergangenen Epoche zu enthüllen. Die Reise führt den Sprecher durch das Forum Romanum, wo er auf die Ruinen und Überreste der einstigen Pracht stößt. Die Beschreibung der Tempel, Bögen und Paläste ist geprägt von einer Mischung aus Bewunderung und Trauer über den Verfall. Die antiken Bauten werden als Zeugen einer vergangenen Zeit dargestellt, die sowohl faszinieren als auch beunruhigen. Die Gegenüberstellung von Licht und Dunkelheit, Leben und Tod, spiegelt die Ambivalenz der Erfahrung wider. Am Ende des Gedichts erreicht der Sprecher den Kapitolshügel, wo er von der Statue des Jupiter Donnerschlag begrüßt wird. Die Reise durch das nächtliche Rom endet mit einem Gelübde an die Himmlischen, das die tiefe emotionale Verbindung des Sprechers zu dieser Stadt und ihrer Geschichte unterstreicht. Das Gedicht schließt mit einem Rückblick auf die Reise und der Erkenntnis, dass die Vergangenheit, obwohl sie physisch verfallen ist, in der Erinnerung und im Geist weiterlebt.

Schlüsselwörter

voll götter nacht ueber herz mehr geist stille

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Stilmittel

Alliteration
Düstert nicht geisterhaft durch der Säulen erhabene Hoheit
Anapher
Wo meine Lieben geruht, todt und lebendig, mein Herz! / Sieht es die blühende Welt nicht zur düsteren Ruine zertrümmert?
Apostrophe
Götter, wohin durch die Nacht?
Enjambement
Träumte der Knabe nicht schon von der Stunde der großen Erscheinung, / O und es wäre nun mehr, mehr als ein fliehender Wahn?
Hyperbel
Diese titanische Nacht! ach und dies schmachtende Licht
Metapher
Ueber die Sinne habt ihr Nebel und Schleier gehüllt
Personifikation
Wo meine Lieben geruht, todt und lebendig, mein Herz
Symbolik
Jupiter Stator, wie schlank in der Kraft korinthischer Schönheit
Vergleich
Gleich dem Krater des wilden Vulkans, vom Donner zerspalten
Wiederholung
Götter, wohin? ich glaub′ es noch nicht