Café in deutscher Stadt

Friedrich Wilhelm Wagner

1892

Ein Kellnerfrack. Der Demut feile Geste Geduckt ein Dichter nachsinnt neuer Pose. Der feiste Wirt, in sehr befleckter Hose, Breit grinsend grüßt die vornehmeren Gäste.

Ein Pikkolo verstummt vor schmalen Frauen. Er starrt verstört. Die Geigen gurren geil. Bebauchte Bürger, stämmig, steif und steil, Glotzblickig blöde, dösen und verdauen.

Kokotten lächeln - sündeseliger Segen. Sehr provozierend wirken neben fetten Profitvisagen protzig Epauletten, Verwelkte Weiber wonnig zu bewegen.

Der Dichter döst. Das Dudeln macht ihn dumm. Ein grauer Greis sielt sich in Dreckjournalen. Ein rauer Ruf zerreißt den Raum: “Bezahlen!” Der Dichter geht. Sehr langsam, träge, krumm.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Café in deutscher Stadt

Interpretation

Das Gedicht "Café in deutscher Stadt" von Friedrich Wilhelm Wagner beschreibt eine düstere und kritische Szene in einem deutschen Café. Die Atmosphäre ist geprägt von Demut und Unterwürfigkeit, wie sie in der "feile Geste" des Kellners und dem "geduckt" nachsinnenden Dichter zum Ausdruck kommt. Der "feiste Wirt" in "befleckter Hose" begrüßt die vornehmeren Gäste mit einem breiten Grinsen, was auf eine gewisse Heuchelei und Unaufrichtigkeit hindeutet. Die zweite Strophe zeichnet ein Bild von Oberflächlichkeit und Banalität. Ein Pikkolo verstummt vor schmalen Frauen, während die Geigen "geil" gurren. Die "bebauchten Bürger" dösen und verdauen, was auf eine gewisse Trägheit und Unkultur hinweist. Die Kokotten lächeln und wirken "sündeselig", während die "profitvisagen" mit protzigen Epauletten versuchen, "verwelkte Weiber" zu bewegen. Die dritte Strophe beschreibt den Dichter, der durch das "Dudeln" dumm geworden ist und sich in "Dreckjournalen" suhlt. Ein "grauer Greis" wird erwähnt, der sich in diesen Journalen suhlt. Der Dichter wird schließlich von einem rauen Ruf zum Bezahlen aufgefordert und verlässt das Café "sehr langsam, träge, krumm", was auf eine gewisse Resignation und Enttäuschung hindeutet. Insgesamt zeichnet das Gedicht ein negatives Bild der deutschen Gesellschaft und Kultur, geprägt von Oberflächlichkeit, Unkultur und Trägheit. Der Dichter selbst scheint in dieser Welt verloren und enttäuscht zu sein, was in seiner langsamen und krummen Abreise zum Ausdruck kommt.

Schlüsselwörter

dichter kellnerfrack demut feile geste geduckt nachsinnt neuer

Wortwolke

Wortwolke zu Café in deutscher Stadt

Stilmittel

Alliteration
Demut feile Geste, feiste Wirt, breit grinsend, schmalen Frauen, stämmig, steif und steil, sündeseliger Segen, Profitvisagen protzig Epauletten, Dichter döst, Dudeln macht, grauer Greis, Dreckjournalen, rauer Ruf, Dichter geht
Bildsprache
Bebauchte Bürger, glotzblickig blöde
Enjambement
Ein Kellnerfrack. Der Demut feile Geste / Geduckt ein Dichter nachsinnt neuer Pose
Kontrast
feiste Wirt, in sehr befleckter Hose
Metapher
Demut feile Geste
Personifikation
Geigen gurren geil
Titel
Café in deutscher Stadt
Wiederholung
sehr