Cabaret Royal-Orpheum
1948Mir ist als ob ich schon gezeichnet wäre Und auf der Totenliste stünde. Es hält mich ab von mancher Sünde. Wie langsam ich am Leben zehre!
Und ängstlich sind oft meine Schritte, Mein Herz hat einen kranken Schlag Und schwächer wird’s mit jedem Tag. Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.
Doch tanz ich bis zur Atemnot. Bald werde ich im Grabe liegen Und niemand wird sich an mich schmiegen. Ach, küssen will ich bis zum Tod.
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Interpretation
Das Gedicht "Cabaret Royal-Orpheum" von Emmy Hennings beschreibt eine düstere und existenzielle Stimmung, in der sich die Sprecherin zwischen Leben und Tod gefangen fühlt. Die ersten Zeilen vermitteln ein Gefühl von Vorherbestimmung und Endlichkeit, als ob sie bereits "gezeichnet" und auf der "Totenliste" stünde. Dieses Bewusstsein hält sie von "mancher Sünde" ab, doch gleichzeitig zehrt sie langsam am Leben. Die Beschreibung ihrer ängstlichen Schritte und des "kranken Schlags" ihres Herzens unterstreicht ihre körperliche und seelische Schwäche, die mit jedem Tag zunimmt. Die Anwesenheit eines "Todesengels" in ihrer Mitte symbolisiert die unausweichliche Nähe des Todes. Trotz dieser düsteren Realität gibt es einen starken Kontrast in der zweiten Strophe, wo die Sprecherin bis zur "Atemnot" tanzt. Dieser Tanz kann als Ausdruck von Lebenslust und Trotz gegenüber dem nahenden Tod verstanden werden. Die Vorstellung, bald "im Grabe liegen" zu werden und dass sich niemand mehr an sie "schmiegen" wird, verdeutlicht die Einsamkeit und Vergänglichkeit des Lebens. Doch selbst angesichts dieser Endlichkeit sehnt sich die Sprecherin danach, bis zum Tod zu "küssen", was als ein letzter Ausbruch von Leidenschaft und Hingabe interpretiert werden kann. Das Gedicht zeichnet somit das Bild einer Person, die zwischen der Furcht vor dem Tod und dem Wunsch nach intensivem Leben hin- und hergerissen ist. Es reflektiert die Ambivalenz des Daseins, in dem die Bewusstheit über die eigene Sterblichkeit sowohl eine Last als auch eine Motivation sein kann. Emmy Hennings vermittelt durch ihre eindringlichen Bilder und den Kontrast zwischen Schwäche und Leidenschaft eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Leben, Tod und menschlicher Sehnsucht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wie langsam ich am Leben zehre
- Hyperbel
- Und auf der Totenliste stünde
- Kontrast
- Doch tanz ich bis zur Atemnot
- Metapher
- Mir ist als ob ich schon gezeichnet wäre
- Personifikation
- Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte