Bußtag
1919Ein Bild steigt auf aus meinen Jugendtagen. Im Gotteshause stehen Reih an Reihe Die Männer, Betgewänder umgeschlagen, Sich neigend nach geheimnisvollen Riten; Mein Vater unter ihnen singt mit Weihe Die Bussgebete der Israeliten.
Sein Haar ist silbern, und das weisse Leinen Der Priesterkleidung fliesst um seine Glieder. Gewaltig drängen zu dem furchtbar Einen, Der Licht und Wolken bläst vom Firmamente, Und bitten und beschwören immer wieder Die klagenden, vertrauenden Akzente.
Dann zu noch reuevollerer Kasteiung Sinkt in die Knie die ganze Schar der Beter, Um ihrer Busse willen die Befreiung Aus Sünden und dem Joche der Bedränger Erflehend von dem starken Gott der Väter. Aufrecht steht nur der priesterliche Sänger.
Doch nun mit weit ausgreifender Gebärde Beugt er das Knie zum Anruf um Vergebung Und legt sich mit dem Antlitz auf die Erde Und preist den Namen, der von Sünden reinigt, Und aus Gebet und Busse und Erhebung Klingt seine Stimme wie mit Gott vereinigt.
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Interpretation
Das Gedicht "Bußtag" von Hedwig Lachmann beschreibt eine tief religiöse und bewegende Szene im Gotteshaus, in der Männer, darunter der Vater der Sprecherin, in feierlicher Haltung Bußgebete der Israeliten singen. Die Atmosphäre ist von Ehrfurcht und Weihe geprägt, wobei die Männer in weiße Priesterkleidung gehüllt und von silbrigem Haar gezeichnet sind. Sie neigen sich in geheimnisvollen Riten und richten ihre Klagen und Bitten an einen furchterregenden Gott, der als Licht und Wolken vom Himmel herabkommt. Die Stimmung intensiviert sich, als die gesamte Schar der Betenden in noch reuevollerer Kasteiung zu Boden sinkt und um Befreiung von Sünden und Unterdrückung fleht. Nur der priesterliche Sänger bleibt aufrecht stehen, bis er schließlich mit einer weiten Gebärde das Knie beugt, sich mit dem Antlitz auf die Erde legt und den Namen preist, der von Sünden reinigt. Die Stimme des Sängers erklingt wie mit Gott vereint, durchdrungen von Gebet, Buße und Erhebung. Das Gedicht vermittelt eine tiefe spirituelle Erfahrung, in der die Verbindung zwischen Mensch und Göttlichkeit durch Rituale und Gebete gestärkt wird. Es zeigt die Demut und die Sehnsucht nach Erlösung, die in der jüdischen Tradition des Bußtages zum Ausdruck kommen. Die lebendige Sprache und die detaillierten Beschreibungen schaffen eine eindringliche Atmosphäre, die den Leser in die feierliche Stimmung des Gottesdienstes eintauchen lässt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Klagenden, vertrauenden Akzente
- Anapher
- Und bitten und beschwören immer wieder
- Bildsprache
- Sich neigend nach geheimnisvollen Riten
- Enjambement
- Dann zu noch reuevollerer Kasteiung Sinkt in die Knie die ganze Schar der Beter
- Hyperbel
- mit weit ausgreifender Gebärde
- Kontrast
- Aufrecht steht nur der priesterliche Sänger
- Metapher
- Gewaltig drängen zu dem furchtbar Einen
- Personifikation
- Licht und Wolken bläst vom Firmamente
- Symbolik
- silbrig Haar, weisse Leinen