Burschenschaft und Corps
Das war die alte Burschenschaft,
Die hoffte mit Ideen-Kraft
Und mit viel Trinken und Singen
Und festlichem Schlägerschwingen
Das ganze deutsche Vaterland,
Das schon so lang aus Rand und Band,
Unter Einen Hut zu bringen.
Was Corps hieß, war gestreng verdammt,
Weil es vom Sondergeiste stammt;
»Laßt Junker da stolziren,
Um Tand sich duelliren,
Indessen wir in edler Gluth
Alldeutschlands stolzen Zukunftshut
Eindünsten und prepariren!«
Die stolze Hoffnung war zu jäh,
Der Filz zu haarig, hart und zäh,
Er stach, er kratzte, brannte,
Die Mühe verlief im Sande,
Da kam ein alter Corpsbursch her
Und packt den Filz und walkt ihn sehr
Und brachte den Hut zu Stande.
»Nun, altes, schwarzrothgoldnes Haus,
Wie beugst du dieser Wahrheit aus?«
Ich wollte ihn necken und fangen;
Doch ließ er den Kopf nicht hangen,
Er sprach: »Ich nehm’s nicht eben schwer,
Der Corpsbursch ist ja doch vorher
In die Burschenschaft noch gegangen.«
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Burschenschaft und Corps“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit den rivalisierenden Studentenverbindungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit der Burschenschaft und dem Corps. Es karikiert die idealistische, aber letztendlich gescheiterte Vision der Burschenschaft, ein geeintes Deutschland durch „Ideen-Kraft“, Gesang, Trinken und „Schlägerschwingen“ zu einen. Das Gedicht verwendet einen ironischen Ton, um die jugendliche Naivität und das Überschwängliche der Burschenschaft darzustellen, die das Corps, als Inbegriff von „Sondergeiste“, verachtete.
Vischer kontrastiert die gescheiterten Hoffnungen der Burschenschaft mit der pragmatischen, wenn auch zunächst verachteten, Herangehensweise des Corps. Die Metapher des Hutes, der ursprünglich aus losem „Filz“ besteht, ist zentral. Die Burschenschaft versucht, den Hut durch ihre idealistische Energie zu formen, scheitert aber an der Realität. Der Filz erweist sich als zu „haarig, hart und zäh“, um durch reines Ideengut geformt zu werden. Der schelmische Ton des Gedichts zeigt sich in der Art und Weise, wie die Mühen der Burschenschaft als letztlich vergeblich dargestellt werden.
Die Pointe des Gedichts liegt in der unerwarteten Wendung am Ende. Ein „alter Corpsbursch“ erscheint und formt den Hut schließlich. Diese Figur steht für die pragmatische Kompetenz des Corps, die in der Lage ist, die praktische Aufgabe zu bewältigen, an der die Burschenschaft gescheitert ist. Der Witz des Gedichts wird dadurch verstärkt, dass der Corpsbursch, anstatt die Burschenschaft zu verspotten, die Geschichte mit der Bemerkung beendet, dass er selbst einst ein Mitglied der Burschenschaft war.
Die letzte Strophe offenbart die wahre Ironie und die subtile Kritik. Die Burschenschaft mag im Widerspruch zum Corps gestanden haben, aber die Geschichte deutet an, dass die Burschenschaft die Ideen lieferte, während das Corps die praktische Arbeit erledigte. Dies deutet auf ein Verständnis von Zusammenarbeit und die Erkenntnis, dass eine Ideologie alleine nicht ausreicht, um eine Vision zu verwirklichen, hin. Vischer spielt somit mit den Stereotypen und Vorurteilen der Studentenverbindungen, um die Stärken und Schwächen beider Seiten auf humorvolle Weise aufzuzeigen. Das Gedicht ist daher nicht nur eine Persiflage, sondern auch eine Reflexion über die Notwendigkeit von Pragmatismus und praktischer Umsetzung, um große Ziele zu erreichen.
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Lizenz und Verwendung
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