Burg Rodenstein

Adolf Friedrich Graf von Schack

1854

Jahre sind′s, und doch mit Schauern Denk′ ich noch an jene Stunden, Da wir in den düstern Mauern Deiner Ahnenburg gehaust, Jener Burg, in deren Türmen Sonst allein die Dohlen nisten, Die der Hauch von Winterstürmen In Novembernacht durchsaust.

Finster hängt sie, zeitgetroffen, An des Bergen kahlem Scheitel, Ringsum Wüste, nur am schroffen Felsenhang ein Föhrenhain; Ihre Zinnen, spukhaft ragend, Sieht der Wanderer mit Beben, Und des Kreuzes Zeichen schlagend Spricht er: Das ist Rodenstein!

Aber wir, das nächt′ge Grauen Und der Vorzeit Reste liebend, Weilten oft noch spät im rauhen Herbstmond auf dem öden Riff, Jubelten, wenn auf dem Erker Wild die Wetterfahnen krachten Und der Nordwind stark und stärker Durch die Bogenfenster pfiff.

Nachts, das Holz in Haufen schichtend, Wachten wir im alten Saale, Und, das Dunkel um uns lichtend, Schürten wir die Flammen an; Siehe! und mit hellem Lohen Schlug die Glut an das Gewölbe, Daß sie tropfend von den hohen Bogengurten niederrann;

Und am Feuerbrande kauernd, In der Hand den Becher Weines, Hörten wir den Nachtsturm schauernd Fegen durch den Bogengang, Wie er an der Wand die Wappen Und die Rüstungen bewegte, Und das Schloßthor sich mit Klappen In den ehrnen Angeln schwang.

Leise da vom Rodensteiner Sprachest du, dem Fluchbeladnen, Und, erfüllt vom Schauer deiner Sage, späht′ ich durch den Saal; »Hörst du dort nicht Schritte schleichen?« Fragt′ ich dich mit banger Stimme, Und es traf von meinem bleichen Antlitz dich der blasse Strahl.

Ja! Es war kein Traum! Ein Krachen Bebte durch den Bau der Erde, Und ein Höllengeisterlachen Schlug uns gellend an das Ohr; Blaue Flammen, wie von Schwefel, Zuckten durch den Saal und leckten Am Gesimse und Getäfel Züngelnd bis zum Dach empor.

Horch! Daher vom Schnellartgipfel Scholl es wie Gebell von Rüden Durch den Sturz der Tannenwipfel Und den heulenden Orkan; Hörner dröhnten; aus der Fuge Sprangen mit Gekrach die Thore, Und im sturmgepeitschten Fluge Zog die wilde Jagd heran.

Rehe, denen zu den Knöcheln Dicke Tropfen Blutes rannen, Hirsche flohn mit Todesröcheln Uns im hast′gen Lauf vorbei; Eber folgten, grimme Keuler, Schnaubend und die Hauer wetzend, Und durch das Getob der Heuler Scholl des Jägers Wutgeschrei.

Dann, auf schwarzem Rosse birschend, Kam er selbst, der Gottverhaßte, In dem Grimm der Hölle knirschend, Blaß wie menschgewordner Tod; Düster in den Höhlen flammten Seine Augen, und es glühte Ihm das Brandmal der Verdammten Auf der Stirne blutigrot.

»Ewig! ewig! Nie Erlösung Vom jahrhundertalten Fluche? Werd′ ich, heilende Verwesung, In dein Bahrtuch nie gehüllt? Muß ich′s ewig, ewig künden, Daß der Becher überflutet, Wenn der Mensch mit seinen Sünden Ihn bis an den Rand gefüllt?«

Sprach′s und schwand. Mit Händeringen Folgt′ ein marmorbleiches Weib ihm; Braune Lockenhaare hingen Um ihr Antlitz sturmverweht; Auf den gramzerstörten Zügen Schien ein matter Dämmerschimmer Noch vom Reich des Lichts zu liegen, Wie ein sterbendes Gebet.

Rettungflehend hob nach oben Sie den Blick, doch mit Gelächter Wälzte sich und wüstem Toben Um sie her die grause Jagd; Und, gleich wie mit eh′rner Klammer An den Gatten festgeschmiedet, Schwand sie unter stummem Jammer In die hoffnungslose Nacht.

Drauf in immer wirrern Knäulen Kam ein Schwarm von Nachtgevögel; Glühen Auges schwirrten Eulen In dem mißgeschaffnen Zug; Molche, schuppiges Gewürme Folgten dann und Flügelschlangen, Die der Hauch der Wirbelstürme Kreisend auf und nieder trug.

So bei lautem Hörnergellen Zog die wilde Jagd vorüber; Fern und ferner scholl das Bellen, Bis es in dem Dunkel schwieg; Und du sprachest, dich erhebend: »Wenn der Rodensteiner auszieht, Naht auf Sturmesflügeln schwebend Wetterschwanger sich der Krieg.

Weh, Europa! Schon von ferne Seh′ ich sich die Wolken ballen, Seh′ beim Leuchten trüber Sterne, Eingehüllt in Pulverdampf, Deinen Städten, deinen Reichen Schon den Würgeengel nahen Und in Bergen deine Leichen, Aechzend unter Roßgestampf.«

Also sprachest du, und betend Wandt′ ich mich zum Morgenlichte, Das, die finstern Hallen rötend, Durch die Bogenfenster quoll, Während matten Scheins die Scheite Die die Nacht erhellt, erloschen, Und der Glocken Frühgeläute Aus dem nahen Kloster scholl.

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Illustration zu Burg Rodenstein

Interpretation

Das Gedicht "Burg Rodenstein" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine eindringliche Schilderung einer nächtlichen Jagd, die als Vorzeichen für kommende Unruhen und Kriege interpretiert wird. Die Burg Rodenstein, eine düstere und verlassene Ruine, dient als Schauplatz für eine Begegnung mit dem Übernatürlichen. Der Erzähler und sein Begleiter, die die Atmosphäre der Burg und die Geschichten der Vergangenheit lieben, erleben eine Nacht voller Schrecken und Vorahnungen. Die Handlung kulminiert in der Erscheinung der wilden Jagd, angeführt von einem verfluchten Jäger, der um Erlösung von seinem ewigen Fluch fleht. Die Jagdgesellschaft besteht aus monströsen Kreaturen und den Seelen der Verdammten, darunter eine bleiche Frau, die den Jäger verzweifelt verfolgt. Diese Szene ist eine Metapher für die unausweichliche und zerstörerische Kraft des Krieges, die sich über Europa zusammenbraut. Das Gedicht endet mit einer düsteren Prophezeiung, die der Begleiter des Erzählers ausspricht. Er deutet die wilde Jagd als Vorzeichen für einen bevorstehenden Krieg, der Europa in Schutt und Asche legen wird. Die Bilder von sterbenden Städten, erstickenden Dämpfen und dem Stamped der Pferde unterstreichen die Schwere und den Schrecken des kommenden Konflikts. Das Gedicht schließt mit dem Anbruch des Tages und dem Klang der Kirchenglocken, die einen Kontrast zur nächtlichen Horror-Szene bilden und vielleicht auf die Hoffnung auf Frieden und Erlösung hindeuten.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wild die Wetterfahnen krachten
Allusion
Weh, Europa! Schon von ferne Seh' ich sich die Wolken ballen
Anapher
Und ein Höllengeisterlachen Schlug uns gellend an das Ohr; Blaue Flammen, wie von Schwefel, Zuckten durch den Saal und leckten
Bildsprache
Blaue Flammen, wie von Schwefel, Zuckten durch den Saal und leckten
Enjambement
Hörst du dort nicht Schritte schleichen? Fragt' ich dich mit banger Stimme, Und es traf von meinem bleichen Antlitz dich der blasse Strahl
Hyperbel
Und in Bergen deine Leichen, Aechzend unter Roßgestampf
Kontrast
Auf den gramzerstörten Zügen Schien ein matter Dämmerschimmer
Metapher
Finster hängt sie, zeitgetroffen, An des Bergen kahlem Scheitel
Onomatopoesie
Und durch das Getob der Heuler Scholl des Jägers Wutgeschrei
Personifikation
Daß sie tropfend von den hohen Bogengurten niederrann
Symbolik
Und des Kreuzes Zeichen schlagend Spricht er: Das ist Rodenstein!
Synästhesie
Und des Kreuzes Zeichen schlagend Spricht er: Das ist Rodenstein!
Vergleich
Blaß wie menschgewordner Tod
Wiederholung
Ewig! ewig! Nie Erlösung