Bundeslied

Anastasius Grün

1806

Nicht mit Spießen, Mörsern, Stangen Ziehn wir in den heil’gen Streit; Mag nach solchen Waffen langen, Wer nicht bessre hält bereit!

Nicht ist in der Burg von Steine Uns verschanzt der Heeresbann, Nein, im Busen drin die seine Schirmt wohl auch der einz’le Mann.

Dem sorglosen Feind beim Becher Senden wir nicht Dolch und Gift; Sonnenstrahl ist unser Rächer, Weh, wen der ins Herz nicht trifft!

Nicht ein Streit um Landesmarken Und um irdisch Gut und Blut, Nein, uns macht zum Kampf erstarken Ein unsterblich, göttlich Gut!

In dem dunklen Bauch der Berge Suchet unser Zeughaus nicht, Denn nicht sind Kobold’ und Zwerge Lehrer uns in Recht und Pflicht.

Klimmt zu höchsten Bergesspitzen, Dann vor euch im Sonnenstrahl Seht ihr golden, silbern blitzen Unser großes Arsenal.

Lichteswaffen, die kein Meister Ird’scher Zunft euch schmieden darf, Und womit der Herr der Geister Einst die sünd’gen Engel warf;

Bundsgenossen, die entraffen Uns kein Kerker mag, kein Schwert! Fielen wir, stehn sie in Waffen Unserm Recht noch, unversehrt.

Unsre Losung, hört sie schallen Leis und laut im Lüftezug! Vorwärts! rauscht der Strom im Wallen, Vorwärts! dröhnt die Wolk’ im Flug.

Der Gedanke, der uns bündet, Siegreich schwebt er ob dem All, Dort als Nordens Licht entzündet, Hier im Bergschacht als Kristall.

Aus des Vogels Kehle drängt er Sich als Lied im Lüfteraum, Und verwandelt wieder hängt er Dort als Blüthenreis am Baum.

Wie ein süß Geheimniß spendet Flüsternd ihn der Wiesenbach, Doch als Donnerpredigt sendet Ihn der Katarakt euch nach.

Ja der Blitz selbst, nachtentsprungen, Wenn er durch die Wolken bricht, Stottert nach mit trunknen Zungen Gottes Wort: Es werde Licht!

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Illustration zu Bundeslied

Interpretation

Das Gedicht "Bundeslied" von Anastasius Grün ist ein kraftvolles Plädoyer für einen geistigen und ideellen Kampf, der sich von physischer Gewalt und materiellen Interessen abwendet. Grün betont, dass der wahre Kampf nicht mit Waffen wie Speeren, Mörsern oder Dolchen geführt wird, sondern mit dem "Sonnenstrahl" als Symbol für Aufklärung und Gerechtigkeit. Die Burg, in der sich die Kämpfer verschanzen, ist nicht aus Steinen gebaut, sondern im Herzen verankert, was die innere Stärke und moralische Überlegenheit unterstreicht. Der Autor beschreibt das Arsenal der Kämpfer als etwas Geistiges und Göttliches, das in den höchsten Bergesspitzen zu finden ist und golden und silbern im Sonnenstrahl blitzen lässt. Diese "lichteswaffen" sind nicht von irdischen Meistern schmiedbar, sondern stammen aus einer höheren, göttlichen Sphäre. Sie symbolisieren den unsterblichen und göttlichen Gedanken, der die Kämpfer verbindet und ihnen Kraft verleiht. Selbst wenn die Kämpfer fallen, bleiben ihre Ideale und ihre Waffen unversehrt, was die Unsterblichkeit ihrer Sache betont. Die Losung des Bundes wird als allgegenwärtig dargestellt, sei es im leisen Flüstern eines Baches oder im donnernden Rauschen eines Wasserfalls. Der Gedanke, der die Kämpfer verbindet, ist siegreich und allgegenwärtig, manifestiert in der Natur und im Kosmos. Das Gedicht endet mit einer mächtigen Bildsprache des Blitzes, der Gottes Wort "Es werde Licht!" stotternd verkündet, was die göttliche Herkunft und die erleuchtende Kraft des Gedankens unterstreicht, der den Bund zusammenhält.

Schlüsselwörter

kein gen streit mag waffen sonnenstrahl gut recht

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
In dem dunklen Bauch der Berge
Gegenüberstellung
Nicht ist in der Burg von Steine / Uns verschanzt der Heeresbann, / Nein, im Busen drin die seine / Schirmt wohl auch der einz’le Mann
Hyperbel
Ein unsterblich, göttlich Gut
Onomatopoesie
Vorwärts! rauscht der Strom im Wallen, / Vorwärts! dröhnt die Wolk’ im Flug
Personifikation
Bundsgenossen, die entraffen / Uns kein Kerker mag, kein Schwert