Bürgerliche Wohltätigkeit

Kurt Tucholsky

1929

Sieh! Da steht das Erholungsheim einer Aktiengesellschafts-Gruppe; morgens gibt es Haferschleim und abends Gerstensuppe. Und die Arbeiter dürfen auch in den Park… Gut. Das ist der Pfennig. Und wo ist die Mark -?

Sie reichen euch manch Almosen hin unter christlichen frommen Gebeten; sie pflegen die leidende Wöchnerin, denn sie brauchen ja die Proleten. Sie liefern auch einen Armensarg… Gut. Das ist der Pfennig. Und wo ist die Mark -?

Die Mark ist tausend- und tausendfach in fremde Taschen geflossen; die Dividende hat mit viel Krach der Aufsichtsrat beschlossen. Für euch die Brühe. Für sie das Mark. Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.

Proleten! Fallt nicht auf den Schwindel rein! Sie schulden euch mehr als sie geben. Sie schulden euch alles! Die Ländereien, die Bergwerke und die Wollfärbereien… sie schulden euch Glück und Leben.

Nimm, was du kriegst. Aber pfeif auf den Quark. Denk an deine Klasse! Und die mach stark! Für dich der Pfennig! Für dich die Mark! Kämpfe -!

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Illustration zu Bürgerliche Wohltätigkeit

Interpretation

Das Gedicht "Bürgerliche Wohltätigkeit" von Kurt Tucholsky kritisiert die heuchlerische Wohltätigkeit der Bourgeoisie gegenüber der Arbeiterklasse. Tucholsky beschreibt, wie die wohlhabende Gesellschaft Almosen verteilt und sich als großzügig darstellt, während sie gleichzeitig die Arbeiter ausbeutet und enorme Gewinne einstreicht. Die Dichotomie zwischen dem "Pfennig", den die Arbeiter erhalten, und der "Mark", die die Bourgeoisie anhäuft, verdeutlicht die soziale Ungleichheit und Ausbeutung. Im zweiten Teil des Gedichts fordert Tucholsky die Arbeiter auf, sich nicht von der scheinbaren Großzügigkeit der Bourgeoisie täuschen zu lassen. Er betont, dass die Arbeiter mehr als nur Almosen verdienen und dass ihnen alles, was die Bourgeoisie besitzt, eigentlich zusteht. Die "Ländereien, die Bergwerke und die Wollfärbereien" symbolisieren das Eigentum und die Produktionsmittel, die den Arbeitern gehören sollten. Im letzten Teil ruft Tucholsky die Arbeiter auf, sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen. Er ermutigt sie, die Wohltätigkeit der Bourgeoisie als das zu erkennen, was sie ist - eine Fassade, die die Ausbeutung verschleiert. Der Aufruf "Kämpfe -!" am Ende des Gedichts ist ein Aufruf zum Klassenkampf und zur Solidarität unter den Arbeitern, um die soziale Ungerechtigkeit zu überwinden und eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Apostrophe
Proleten!
Hyperbel
Die Mark ist tausend- und tausendfach in fremde Taschen geflossen;
Imperativ
Kämpfe -!
Kontrast
Für euch die Brühe. Für sie das Mark. Für euch der Pfennig. Für sie die Mark.
Metapher
Sieh! Da steht das Erholungsheim einer Aktiengesellschafts-Gruppe; morgens gibt es Haferschleim und abends Gerstensuppe.
Rhetorische Frage
Und wo ist die Mark -?
Symbolik
Sie schulden euch alles! Die Ländereien, die Bergwerke und die Wollfärbereien...
Wiederholung
Gut. Das ist der Pfennig. Und wo ist die Mark -?