Buddha und der Knabe

Hugo Ball

1919

Deine Kniee sind scharf und überaus flüchtig. Deine Brust ist voll heißer Ranken unzüchtig.

Dein Leib schlägt weiße Bogen und schnellt sich durchs Zimmer. Deine Lippen sind Blutegel in bläulichem Schimmer.

Deine satten Lippen, wie sie sich strotzend ringeln! Wenn du küssest, wühlt sich dein Haupt ein bis zu den Lockenkringeln.

Höre, du mein Zögling, Gesell und Buhlknabe, Was ich hinter deinen auftrotzenden Augensternen erschaut habe:

Du willst meine Hände, die sich in Weisheit falten, Einnehmen mit allen Sturm- und Honiggewalten.

Du willst, daß meine hochtrabende Asketengebärde Vor deiner rotperlenden Lachgier zu Schanden werde.

Du willst, daß mein Füllhorn, aus dem die Flüsse rauschen Zum Streitschuh werde, um den wir Küsse tauschen.

Deine Lippen begehren wie Kitzenmäuler Ihre eifrigen Zähnchen zu wetzen.

Meine Finger sollen zehn springende Fohlen sein, Die über Zäune und Sträucher setzen.

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Illustration zu Buddha und der Knabe

Interpretation

Das Gedicht "Buddha und der Knabe" von Hugo Ball thematisiert den Konflikt zwischen asketischer Weisheit und sinnlicher Begierde. Der Buddha, als Symbol der geistigen Disziplin und Selbstbeherrschung, wird hier von einem jungen, leidenschaftlichen Mann herausgefordert. Der Knabe verkörpert die ungezähmte, körperliche Lust und versucht, den Buddha von seinen spirituellen Idealen abzubringen. Die Sprache des Gedichts ist sehr sinnlich und erotisch, sie beschreibt den Körper des Knaben in lebendigen, fast animalischen Bildern. Der Buddha hingegen wird als weise, aber auch als starr und unbeweglich dargestellt. Der Knabe versucht, den Buddha mit seiner Leidenschaft und seiner körperlichen Anziehungskraft zu überwältigen. Er will die Hände des Buddha, die sich in Weisheit falten, mit "Sturm- und Honiggewalten" einnehmen. Er möchte, dass die asketische Gebärde des Buddha vor seiner "rotperlenden Lachgier" zu Schanden wird. Der Knabe strebt danach, den Buddha von seiner spirituellen Suche abzubringen und ihn in die Welt der körperlichen Lust zu ziehen. Er will, dass das Füllhorn des Buddha, aus dem die Flüsse der Weisheit rauschen, zum "Streitschuh" wird, um den sie Küsse tauschen. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Finger des Buddha zu "zehn springenden Fohlen" werden sollen, die über Zäune und Sträucher setzen. Dies könnte als eine Art Kapitulation des Buddha vor der Leidenschaft des Knaben interpretiert werden. Die Finger, die bisher in Weisheit gefaltet waren, sollen nun frei und ungebunden sein, um die körperliche Lust zu erkunden. Das Gedicht stellt also die Frage, ob die spirituelle Suche des Buddha stärker ist als die sinnliche Begierde des Knaben, oder ob am Ende die Leidenschaft siegt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Meine Finger sollen zehn springende Fohlen sein, Die über Zäune und Sträucher setzen.
Personifikation
Deine Lippen begehren wie Kitzenmäuler Ihre eifrigen Zähnchen zu wetzen.
Vergleich
Deine Lippen begehren wie Kitzenmäuler