Buch des Krieges
1906Mein Freund du, gebrochenes Auge nun, Gebrochener Blick wie der des erschossenen Hasen Oder verächtlichen, kalten Verräters - Zwölf Jahre gemeinsam sprang uns der Zeitwind entgegen, Schweigsam teilten wir Bücher und Brot, Teilten im Schulhaus die Bänke, Des Lebenshindranges rauschende Not, Einigen Sinnes Erkennung und Lehre, Freund, dein Auge ist tot.
Darum deine Mutter im Kummer nun geht, Harmvoll, seufzend, doch schlicht in der Menge, Darum Klein-Schwester, Klein-Brüder zu frühe schon spüren Verfinsternd qualmendes Schicksalgewitter Und mächtiges Mähen des Todes. Leer ist dein Bett in der ärmlichen Kammer Und dein Platz am Tische des Mittags. Und darum, daß niemand mehr wartet auf dich, Geht grau deine Mutter im Kummer.
Du wärst eine Wurzel, ein Saatkorn, Ein trotzender Keim in den Furchen des Lebens, Ein bärtiger Vater von freundlichen Kindern geworden. Ein schmerzenzerpflügtes Ackerland fraß dich, Ein blutbedüngter Acker verdarb dich, Der weise und ewige Säer zertrat dich. Wer hadert und redet von Schuld? Doch wärst du ein Saatkorn und wärest ein Vater!
Du wärest das Saatkorn - und wurdest doch Opfer; Ein tausendstel Gramm nur, ein blutendes Fleisch Fielst du auf blutleerer Leichen unendlich Gebirge. Ist auch dein Tod nicht mehr denn ein anderer Tod. Marschierten doch Tausend und Tausende rhythmischen Schrittes Hinweg in das qualschwarze Nichts, Regiment und Brigade, Armee und Armeen Ins blutigbefleckte Ruhm-Reich des toten Soldaten. Du wurdest ein Opfer.
Der Brimont ist kahl und sein Wald ist zerschroten, Keine Fichte verschont, dir daraus ein Grabkreuz zu schlagen. So liegst du stumm in zertrümmertem Boden, In brustbedrückendem, traumlosen Schlummer. Nicht Held, noch Führer - Soldat nur, unbekannt. Gebein im Wind der Verwesung. Doch des gewaltigen Friedens unzählbare, selige Glanzlegionen, Wenn ehern und klirrend sie über dein Grabfeld marschieren, Wirst du erschauernd einst hören, So horche und harre darauf.
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Interpretation
Das Gedicht "Buch des Krieges" von Gerrit Engelke thematisiert den Tod eines Freundes im Krieg und die damit verbundenen Folgen für die Familie und die Gesellschaft. Der lyrische Ich-Erzähler blickt zurück auf die gemeinsame Jugend und den plötzlichen Tod seines Freundes, der zu einem Opfer des Krieges wurde. Die Mutter des Verstorbenen geht in Trauer durch die Straßen, während Geschwister und andere Angehörige frühzeitig die düstere Last des Schicksals spüren müssen. Der Freund hätte ein produktives Leben führen und eine Familie gründen können, doch der Krieg hat ihn als "Saatkorn" vernichtet und zu einem namenlosen Soldaten gemacht. Engelke verwendet eindringliche Bilder, um die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges zu verdeutlichen. Der Tod des Freundes wird mit dem eines erschossenen Hasens verglichen, und sein Auge wird als "gebrochen" und "tot" beschrieben. Der Dichter betont, dass der Freund kein Held oder Führer war, sondern ein einfacher Soldat, dessen Gebein dem Verwesungsprozess ausgesetzt ist. Dennoch deutet Engelke an, dass der Verstorbene eines Tages die "unzählbaren, seligen Glanzlegionen des Friedens" hören wird, wenn sie über sein Grab marschieren. Dies impliziert eine gewisse Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auch wenn der Preis dafür hoch war. Das Gedicht ist eine eindringliche Anklage gegen den Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf das Leben einzelner Menschen und ihrer Familien. Engelke zeigt auf, wie der Krieg das Potenzial und die Zukunftsaussichten junger Männer zerstört und ihre Angehörigen in tiefe Trauer stürzt. Gleichzeitig wirft das Gedicht Fragen nach Schuld und Verantwortung auf, ohne jedoch eindeutige Antworten zu geben. Die abschließende Vision von Frieden und Erlösung mag als Trost dienen, bleibt jedoch angesichts der beschriebenen Grausamkeiten fragwürdig.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Horche und harre
- Hyperbel
- Horche und harre
- Metapher
- Gewaltiger Friede
- Personifikation
- Zeitwind
- Vergleich
- Gebrochener Blick wie der des erschossenen Hasen