Bubensonntag

Friedrich Hebbel

1863

Wenn ich einst, ein kleiner Bube, Sonntags früh im Bette lag, und die helle Kirchenglocke all das Schweigen unterbrach:

O wie schlüpft′ ich dann so hurtig aus dem Bett ins Kleid hinein, und wie gern ließ ich das Frühstück, um zuerst bei Gott zu sein!

Ein Gesangbuch unterm Arme, eh′ ich′s Lesen noch verstand, ging ich fort, gebeugten Hauptes, fromm verschränkend Hand in Hand.

Kam mein Hündchen froh gesprungen, schalt ich: »Komm mir nicht zu nah!« Kaum daß ich, zur Seite schielend, nach der Vogelfalle sah.

Fiel die Kirchentür nun knarrend hinter meinem Rücken zu, sprach ich furchtsam-zuversichtlich: »Jetzt allein sind Gott und du!«

Längst mit ganzem, vollem Herzen hing ich da an meinem Gott, Doch, daß niemand ihn erblicke, hielt ich stets für eitel Spott.

Und so hofft′ ich jeden Morgen, endlich einmal ihn zu seh′n; war′s denn nichts in meinen Jahren, stets um fünfe aufzustehn?

Auf dem hohen Turm die Glocke war schon lange wieder stumm, der Altar warf düstre Schatten, Gräber lagen rings herum.

Drang ein Schall zu mir herüber, dacht′ ich: jetzt wirst du ihn schaun! Aber meine Augen schlossen sich zugleich vor Angst und Graun.

Und dies Zittern, dies Erbangen und mein kalter Todesschweiß - daß der Herr vorbeigewandelt, galt mir alles für Beweis.

Still und träumend dann zu Hause schlich ich mich in süßer Qual, und mein klopfend Herz gelobte, sich mehr Mut fürs nächste Mal.

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Illustration zu Bubensonntag

Interpretation

Das Gedicht "Bubensonntag" von Friedrich Hebbel beschreibt die Erinnerung des lyrischen Ichs an seine Kindheit, insbesondere an die Sonntage, an denen er früh aufstand, um zur Kirche zu gehen. Die anfängliche Begeisterung und Eile, Gott zu begegnen, wird durch eine Mischung aus kindlicher Frömmigkeit und Neugier charakterisiert. Das Kind trägt das Gesangbuch unter dem Arm, verhält sich fromm und hofft, Gott zu sehen, obwohl es gleichzeitig Angst vor der Begegnung hat. Die Interpretation des Gedichts offenbart eine tiefe Sehnsucht nach einer göttlichen Begegnung, die jedoch von Angst und Unsicherheit begleitet wird. Das Kind erwartet jeden Sonntag, Gott zu sehen, doch wenn die Kirchentür hinter ihm zufällt und die Stille eintritt, schließt es aus Furcht die Augen. Die Angst vor der göttlichen Präsenz wird als "Kalter Todesschweiß" beschrieben, was die Intensität der religiösen Erfahrung unterstreicht. Am Ende des Gedichts kehrt das Kind nach Hause zurück, still und träumend, mit einem pochenden Herzen, das sich mehr Mut für das nächste Mal gelobt. Diese Schlusszeile deutet auf eine fortwährende, wenn auch zögerliche, spirituelle Suche hin, die trotz der Angst und der unerfüllten Hoffnung, Gott zu sehen, fortbesteht. Das Gedicht vermittelt somit die komplexe Natur der kindlichen Religiosität, die von Begeisterung, Neugier, Angst und einer tiefen Sehnsucht nach dem Göttlichen geprägt ist.

Schlüsselwörter

gott hand stets einst kleiner bube sonntags früh

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Stilmittel

Alliteration
Kleine Bube, Sonntags früh
Anapher
Und wie schlüpft ich dann so hurtig aus dem Bett ins Kleid hinein, und wie gern ließ ich das Frühstück
Bildsprache
Die helle Kirchenglocke brach all das Schweigen unter
Gegenüberstellung
Furchtsam-zuversichtlich
Hyperbel
Mit ganzem, vollem Herzen hing ich da an meinem Gott
Metapher
Der Altar warf düstre Schatten
Personifikation
Die Kirchentür knarrte
Reimschema
AABB
Symbolik
Die Kirchenglocke als Symbol für den Ruf zum Gebet
Vergleich
Wie ein kleiner Bube
Wortwiederholung
Gott und du
Zugespitzte Ausdrucksweise
Kalter Todesschweiß