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Bruder Fritz

Von

Versprechen machet Schuld; drum send′ ich dir die Zeilen,
Die meine Dichterei zu deiner Lust entwarf.
Dafür entdecke mir: Ob sich ein Kranker heilen,
Und dem besorgten Arzt die Müh′ erleichtern darf?

Freund, dem des Himmels Huld die schwere Kunst zu scherzen,
Die Ort und Hörer wählt, die Zeit und Stunde kennt,
Und die Gefälligkeit, das Vorrecht edler Herzen,
Und wahre Tugenden ohn′ eitlen Schein gegönnt;
Jetzt rühm′ ich nicht in dir dein hilferbötig Wissen,
Die kluge Fertigkeit, die Treue deiner Hand.
Das wird ein andres Blatt mit Dank erheben müssen;
Dieß aber macht dir nur den theuren Fritz bekannt.

Fritz war ein guter Mönch, ein Feind der frühen Mette,
Den auch der Bischof nicht an Weisheit übertraf.
Oft schlief er in dem Chor, oft trank er in dem Bette,
Und schlief auf seinen Trunk, und trank auf seinen Schlaf.
Ihn warf zur Sommerszeit ein hitzig Fieber nieder,
Und folterte den Mann auf seinem Polstersitz;
Sogleich besuchten ihn die feisten Ordensbrüder,
Und alle trösteten den matten Bruder Fritz.
Sein Abt, dem, sonder ihn, auch nicht sein Mundwein schmeckte,
Weil keiner so im Trunk Bescheid und Wunder that,
Berief den besten Arzt, dem er die Noth endeckte,
Den Segen doppelt gab, und ihn um Hilfe bat.
Er sprach: Wählt ein Geschenk aus jenem vollen Kasten,
Nur lindert, kann es sein, des armen Bruders Qual.
Ich bete schon für ihn; ich will auch für ihn fasten,
Und dieses thät′ ich doch für keinen Cardinal.
Der Doctor streichelt sich, und eilt in Fritzens Zelle.
Da wird des Kranken Harn mit stummem Ernst besehn;
Er fingert um den Puls, erwägt auch alle Fälle,
Die theils vorhanden sind, theils zu befürchten stehn.
Drauf spricht er: Kraft der Kunst, die ich, als Arzt, besitze,
Bemerk′ ich hier den Durst, ein Zeichen böser Art;
So find′ ich, zweitens, auch den höchsten Grad der Hitze,
Und die beschleunigt oft der Frommen Himmelfahrt.
Und dem Hippocrates getreulich nachzuleben,
Muß keine Neuerung die Heilungskunst entweihn.
Er heißt uns erst den Durst, und dann das Fieber heben;
Und folglich wird der Durst mein erster Vorwurf sein,
Immaßen … Ach, rief Fritz, befreit mich nur vom Fieber.
Hilft kein Hippocrates, so hilft der Hipocras.
O laßt mir selber jetzt die Cur des Durstes über;
Hochwürdiger Herr Abt, reicht mir das große Glas.

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Gedicht: Bruder Fritz von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Bruder Fritz“ von Friedrich von Hagedorn ist eine humorvolle Satire auf die medizinischen Praktiken und das soziale Gefüge in einem Kloster im 18. Jahrhundert. Es karikiert die scheinheilige Sorge der Mönche um ihren kranken Bruder Fritz, während es gleichzeitig die wahren Interessen und Vorlieben des kranken Mönchs offenbart. Die Ironie liegt in der Diskrepanz zwischen den frommen Worten und den weltlichen Bedürfnissen, die in der Klostergemeinschaft herrschen.

Das Gedicht beginnt mit einem Vorwort, das die Beziehung zwischen dem Dichter und seinem Freund, dem Adressaten, etabliert. Hagedorn verbindet die Bitte um eine Rückmeldung über sein Gedicht mit einer Hommage an die Tugenden seines Freundes. Dieser Teil dient als eine Art Rahmenhandlung, die die Satire auf das Klosterleben einleitet. Der Schwerpunkt liegt dann auf der Beschreibung von Bruder Fritz, der als ein liebenswerter, aber wenig frommer Mönch dargestellt wird. Er ist ein Mann, der das Leben genießt, die frühen Morgenstunden verabscheut und dem Trunk nicht abgeneigt ist.

Die eigentliche Satire entfaltet sich, als Fritz von einem Fieber befallen wird und die anderen Mönche ihn besuchen und sich um ihn sorgen. Besonders der Abt zeigt große Sorge, nicht zuletzt, weil Fritz der beste Weintrinker war, was ein humorvolles Licht auf die Prioritäten des Abts wirft. Die Ankunft des Arztes und seine Untersuchung des Kranken sind der Höhepunkt der Satire. Der Arzt analysiert mit großem Fachwissen, scheint aber die eigentlichen Bedürfnisse des Patienten zu übersehen, indem er sich mehr auf die Einhaltung der medizinischen Lehren konzentriert als auf die Heilung des Kranken.

Der Wendepunkt kommt, als Fritz selbst interveniert und den Arzt auffordert, ihn vom Fieber zu befreien. Er wünscht sich nicht die Einhaltung medizinischer Regeln, sondern die Linderung seiner Beschwerden. Die humorvolle Pointe ist das Geständnis von Fritz‘ wahrem Bedürfnis, das durch die Bitte nach einem großen Glas Wein zum Ausdruck kommt. Das Gedicht endet mit einem Augenzwinkern, das die Heuchelei und die weltliche Natur im Klosterleben entlarvt. Es zeigt, dass die Sorge um Fritz‘ Gesundheit letztlich durch seine Vorliebe für Wein und Genuss getrieben wird.

Hagedorns Stil ist leichtfüßig und humorvoll, mit einer klaren, präzisen Sprache, die die Ironie der Situation verstärkt. Die Verwendung von Reimen und regelmäßigen Versen trägt zum leichten, unterhaltsamen Ton bei, während die satirische Darstellung des medizinischen und klösterlichen Umfelds die Leser zum Schmunzeln anregt. Das Gedicht ist somit ein lebendiges Porträt des 18. Jahrhunderts, das sowohl die sozialen Gepflogenheiten als auch die menschlichen Schwächen kritisch betrachtet.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.