Brigitte B.
1905Ein junges Mädchen kam nach Baden, Brigitte B. war sie genannt, Fand Stellung dort in einem Laden, Wo sie gut angeschrieben stand.
Die Dame, schon ein wenig älter, War dem Geschäfte zugetan, Der Herr ein höherer Angestellter Der königlichen Eisenbahn.
Die Dame sagt nun eines Tages, Wie man zur Nacht gegessen hat: »Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es Zu der Baronin vor der Stadt.«
Auf diesem Wege traf Brigitte Jedoch ein Individium, Das hat an sie nur eine Bitte, Wenn nicht, dann bringe er sich um.
Brigitte, völlig unerfahren, Gab sich ihm mehr aus Mitleid hin. Drauf ging er fort mit ihren Waren Und ließ sie in der Lage drin.
Sie konnt es anfangs gar nicht fassen, Dann lief sie heulend und gestand, Daß sie sich hat verführen lassen, Was die Madam begreiflich fand.
Daß aber dabei die Tournüre Für die Baronin vor der Stadt Gestohlen worden sei, das schnüre Das Herz ihr ab, sie hab sie satt.
Brigitte warf sich vor ihr nieder, Sie sei gewiß nicht mehr so dumm; Den Abend aber schlief sie wieder Bei ihrem Individium.
Und als die Herrschaft dann um Pfingsten Ausflog mit dem Gesangverein, Lud sie ihn ohne die geringsten Bedenken abends zu sich ein.
Sofort ließ er sich alles zeigen, Den Schreibtisch und den Kassenschrank, Macht die Papiere sich zu eigen Und zollt ihr nicht mal mehr den Dank.
Brigitte, als sie nun gesehen, Was ihr Geliebter angericht′, Entwich auf unhörbaren Zehen Dem Ehepaar aus dem Gesicht.
Vorgestern hat man sie gefangen, Es läßt sich nicht erzählen, wo; Dem Jüngling, der die Tat begangen, Dem ging es gestern ebenso.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Brigitte B." von Frank Wedekind erzählt die tragische Geschichte eines jungen Mädchens, das in Baden eine Anstellung findet und durch ihre Naivität und Gutgläubigkeit in eine Reihe von Missgeschicken gerät. Die naive Brigitte wird von einem Fremden verführt, der ihr Mitleid ausnutzt und sie nach dem sexuellen Akt mit ihren Waren zurücklässt. Obwohl sie zunächst Reue zeigt, lässt sie sich erneut auf den Mann ein, der sie schließlich dazu bringt, das Ehepaar, bei dem sie arbeitet, zu bestehlen. Die Geschichte von Brigitte B. ist eine Warnung vor den Gefahren der Naivität und des leichtfertigen Vertrauens. Wedekind nutzt die Figur der Brigitte, um die Verletzlichkeit junger Frauen in der Gesellschaft darzustellen, die leicht von manipulativen und skrupellosen Männern ausgenutzt werden können. Die Ironie liegt darin, dass Brigitte, obwohl sie ausgenutzt und betrogen wurde, immer wieder in die Falle tappt und schließlich selbst zum Diebstahl getrieben wird. Das Gedicht endet mit einer bitteren Note, als Brigitte und ihr Geliebter gefasst werden, was darauf hindeutet, dass ihre Taten Konsequenzen haben werden. Wedekind kritisiert hier die gesellschaftlichen Strukturen, die junge, unerfahrene Frauen wie Brigitte in solche Situationen bringen und ihnen keine Möglichkeit zur Besserung oder zum Ausweg bieten. Die Geschichte von Brigitte B. ist somit eine tragische Darstellung der Ausbeutung und des Scheiterns in einer Gesellschaft, die wenig Mitgefühl für die Schwachen und Unerfahrenen aufbringt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Brigitte B. war sie genannt
- Anapher
- Und als die Herrschaft dann um Pfingsten / Ausflog mit dem Gesangverein, / Lud sie ihn ohne die geringsten / Bedenken abends zu sich ein.
- Assonanz
- Die Dame, schon ein wenig älter, / War dem Geschäfte zugetan
- Enjambement
- Die Dame sagt nun eines Tages, / Wie man zur Nacht gegessen hat: / »Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es / Zu der Baronin vor der Stadt.«
- Metapher
- Das Herz ihr ab, sie hab sie satt
- Personifikation
- Dem Jüngling, der die Tat begangen, / Dem ging es gestern ebenso.
- Reimschema
- AABB
- Synekdoche
- Brigitte, als sie nun gesehen, / Was ihr Geliebter angericht′, / Entwich auf unhörbaren Zehen / Dem Ehepaar aus dem Gesicht.