Brief in die Heimat

Max von Schenkendorf

1837

Was locket ihr, was winkest du O Vaters Hof und Garten? Wie darf ich nun in schnöder Ruh Der stillen Felder warten? Das wäre mir ein schlechter Ruhm, An Haus und Gut und Eigenthum In solcher Zeit zu denken.

Mein Preußen, süßes Heimatland, Du bist mir nimmer ferne, Du heil′ges Meer, mein Ostseestrand, Ich grüßt′ euch gar zu gerne: Wo ich die früh′ste Lust empfand, Wo mich die erste Liebe band, Da blüht ein Garten Gottes.

Ich ging im Hain, am Bach, ich trank Die Lust mit vollen Zügen; Doch andre Zeit bringt andern Drang, Das konnte mir nicht gnügen. Viel′ Stimmen in mir klangen laut, Frisch auf, du junges Blut, die Braut Von fernher heim zu führen.

Und als das Heer der Welschen kam In jenen finstern Tagen, Als keiner noch die Waffen nahm, Die Räuber zu erschlagen, Mocht′ ich den Jammer nimmer schau′n, Weit ging ich von der Heimat Au′n, Dem Rhein die Noth zu klagen.

Ich sah ihn, wie er zürnend floß Und schmählich trug die Bande; Ich sah auch manch zerfall′nes Schloß An seinem Felsenstrande. Da dacht′ ich: Weh′ dir, schnöde Welt, Wo Kraft und Herrlichkeit zerfällt, Du liegest recht im Argen.

Und aus den grauen Trümmern klang Der strengen Geister Schelten: Die Heimat, die in Schutt versank, Soll dir nicht Alles gelten. Die alten Steine liegen da, Der Väter Segen ist euch nah′, Erbaut euch neue Schlösser.

Im hohen Ost, in Moskau stieg Empor die Oriflamme, Und alle Völker riefen Krieg Und Haß dem fremden Stamme. Da brach hervor aus jeder Brust Tyrannenhaß und Freiheitslust, Der alten Väter Leben.

O Knabenspiel, o Jugendlust, Wie mag ich eurer denken? Jetzt gilt es nur, in Feindesbrust Den scharfen Speer zu senken. Zerfallen magst du kleines Haus, Mit vielen Brüdern zog ich aus, Ein größeres zu bauen.

Ein Haus der Freiheit und des Ruhms, Der Weisheit, Schönheit, Stärke. Ein′ Burg des alten Ritterthums, Ein Rüsthaus jedem Werke, Das nach dem rechten Ziele strebt, Ein Haus, in dem der Glaube lebt, Die Liebe, Zucht und Ehre.

Der edlen Stämme sollen viel In diesem Hause wohnen, Bei Gottesdienst und Saitenspiel Ein Herrscher in ihm thronen. Der Herrlichste der ganzen Welt, Ein Priester und ein Rittersheld, Man heißt ihn deutscher Kaiser.

In diesem Hause soll ein Quell Durch Gottes Huld entspringen, Der wird so rein und silberhell Durch viele Länder dringen, Und wo er fließet, blüht ein Strauß, O Heimat süß, o Vaterhaus, Euch alle wird er laben.

Kehrt′ ich nun heim, ein halber Mann, Eh′ ganz das Werk vollzogen, So sähen mich wol fragend an, Die früher mir gewogen. Ich selber fühlte mich verbannt, Die alten Bilder an der Wand, Ich dürfte sie nicht grüßen.

Doch was ich denke, was ich sinn′, O Heimat ist dein eigen, Daß ich dein treuer Kämpfer bin, Soll Schwert und Zither zeigen. Es kommt ein Jahr, es kommt ein Tag, Daß ich dich wieder sehen mag, Das wird mir Freude geben.

Und fänd′ ich nimmer mein Quartier, Wär′ anders mir gesponnen, Vielleicht aus schönen Wunden mir Das heiße Blut entronnen; Auch noch im Grabe bin ich dein, Man soll auf meinem Leichenstein Von meinem Lande lesen.

Du heil′ges Meer, du stiller Strand, Auch fern euch zu gehören, Mein Heimatland, mein Preußenland, Mag ich mich kühn verschwören. Mein Volk, du bist zuerst erwacht So fest und freudig in der Schlacht, O Volk zu Gottes Ehre.

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Illustration zu Brief in die Heimat

Interpretation

Das Gedicht "Brief in die Heimat" von Max von Schenkendorf thematisiert die Sehnsucht eines deutschen Soldaten nach seiner Heimat während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Der Sprecher befindet sich weit entfernt von seinem preußischen Heimatland und sehnt sich nach dem vertrauten Anblick des Elternhauses und Gartens. Doch die Pflicht ruft ihn zum Kampf für die Freiheit Deutschlands. In den folgenden Strophen reflektiert der Sprecher über seine Jugend und die Schönheit seiner Heimat. Er erinnert sich an glückliche Zeiten im Hain und am Bach. Doch schon bald überkommt ihn der Drang, auszuziehen und die "Braut" (womöglich ein Sinnbild für die Heimat) aus der Ferne heimzuführen. Als die Franzosen einfallen, kann er den Anblick des Jammers nicht ertragen und zieht weiter, um am Rhein Klage zu führen. Dort sieht er die Zerstörung und den Verfall, was ihn zutiefst erschüttert. Doch aus den Trümmern ertönt eine Stimme, die ihn ermutigt, die Heimat wieder aufzubauen. Der Sprecher beschließt, für ein neues, freies Deutschland zu kämpfen - ein "Haus der Freiheit und des Ruhms", in dem alle edlen Stämme wohnen sollen. An der Spitze soll ein deutscher Kaiser stehen, der Weisheit, Schönheit und Stärke verkörpert. Der Sprecher schwört, seine Heimat mit Schwert und Zither zu ehren, und hofft, eines Tages als Sieger heimzukehren. Selbst wenn er im Kampf fallen sollte, will er seiner Heimat auch im Tod treu bleiben. Das Gedicht schließt mit einem patriotischen Bekenntnis zur preußischen Heimat und dem deutschen Volk, das sich mutig und freudig in den Kampf für Gottes Ehre stürzt.

Schlüsselwörter

haus heimat soll alten nimmer gottes mag garten

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Der edlen Stämme sollen viel In diesem Hause wohnen
Anapher
Mein Heimatland, mein Preußenland, Mag ich mich kühn verschwören
Hyperbel
Mein Volk, du bist zuerst erwacht So fest und freudig in der Schlacht
Metapher
Du heilges Meer, du stiller Strand
Personifikation
O Volk zu Gottes Ehre.