Bretagne

Robert Eduard Prutz

1793

An den Ufern der Bretagne, horch! welch nächtlich Wiederhallen! Aus den Wellen, aus den Wogen hör′ ich es wie Lieder schallen, Und ein Glöcklein tönt herüber, leise wundersamen Klang; Doch das ist nicht Schiffsgeläute, das ist nicht Matrosensang.

An den Ufern der Bretagne wohnt ein Volk von alter Sitte, Kreuz und Krone, Gott und König gelten hoch in seiner Mitte; Doch der König ist gerichtet, und den heiligen Altar Hält mit blankem Schwert umlagert eine mordgewohnte Schaar. “Unsern König, den geliebten, wohl! ihr konntet ihn uns nehmen; Doch des Glaubens heil′ge Flamme sollt ihr nimmer uns bezähmen! Ist doch Gott an allen Orten, in den Tiefen, auf den Höhn, Und an allen, allen Orten hört ich seiner Kinder Flehn.” -

“Leis, o leis! der Abend dämmert! Süße Nacht, o sei willkommen, O du Balsam den Geschlagnen, o du Schützerin der Frommen! Leis, o leise! löst den Nachen, nehmet Angel und Geräth, Täuscht die Späher, täuscht die Wächter, in die Wogen zum Gebet!”

Flinke Ruder hör′ ich rauschen: Alle kommen, Kinder, Greise, Weib und Mann, dem Herrn zu dienen nach der Väter frommer Weise, Neugeborene zu taufen, einzusegnen Ehebund, Friedenswort und Trost zu hören aus geweihten Priesters Mund.

In der Mitte schwamm der Priester, Kreuz und Hostie in den Händen, Fischerbuben ihm zur Seite, süßen Weihrauch auszuspenden; Durch der Wellen dumpfes Murren schallte fröhlich der Choral, Klang das Glöckchen, tönten Seufzer und Gebete sonder Zahl.

Sprach der Alte durch die Wogen über alle seinen Segen, Und sie kreuzten sich und neigten seinen Worten sich entgegen; Durch der Wogen wildes Brausen schallte muthig der Choral, Pfiff der Sturmwind, schlug der Regen, zuckten Blitze sonder Zahl.

“Herr! Du bist ja aller Orten, auf den Wassern, wie auf Erden: Laß das Meer, das arg empörte, eine sichre Kirche werden!” So durch des Gewitters Donnern tönte flehend der Choral, Krachend Bord und Mast und Ruder, pfeifen Kugeln sonder Zahl.

Umgeschaut! Wachtfeuer glänzen, wiederspiegelnd in den Wogen, Und der Feinde Kugeln kommen von dem Strande rasch geflogen. Angeschaut! der Weite Himmel glüht, ein einzig Flammenmeer - Tod im Wasser, Tod am Ufer, keine Rettung rings umher!

“Herr, du bist ja aller Orten, auf den Wassern, wie auf Erden: Auch die in dem Meer gestorben, Herr! sie sollen selig werden!” Also durch der Wogen Wüthen, so durch Kugeln sonder Zahl, Durch der Feinde Hohngelächter klingt, verklinget der Choral.

- Fahret wohl, ihr frommen Beter! Keiner kam ans Ufer wieder, Die Gemeinde mit dem Priester schlang die falsche Welle nieder; Nur am Morgen, unter Trümmern, zwischen Klippen und Gestein, Schwamm das Kreuz, das wundersel′ge, in des Frühroths gold′nem Schein.

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Illustration zu Bretagne

Interpretation

Das Gedicht "Bretagne" von Robert Eduard Prutz schildert eine nächtliche, heimliche katholische Messe in der Bretagne während der Französischen Revolution, als der Glaube unterdrückt wurde. Es beginnt mit einer geheimnisvollen Stimmung, in der nächtliche Klänge aus den Wellen wie Gesänge und Glockengeläute erscheinen, jedoch nicht von Schiffen oder Matrosen stammen. Das Gedicht beschreibt ein Volk, das tief in alten Traditionen verwurzelt ist und an Gott und König festhält, obwohl der König hingerichtet und der Altar von bewaffneten Truppen bedroht wird. Die Gläubigen, darunter Kinder, Greise, Frauen und Männer, versammeln sich heimlich in Booten auf dem Wasser, um ihren Glauben zu praktizieren. Der Priester schwimmt in der Mitte, hält das Kreuz und die Hostie, während Fischerbubens Weihrauch versprengen. Trotz der Gefahr durch feindliche Wachen, Kugeln und das tobende Meer setzen sie ihren Choral fort, unerschrocken selbst im Sturm und unter dem Donner der Kanonen. Ihre Gebete und Flehen um Gottes Schutz und Erlösung durchdringen die Gewalt und das Chaos. Das Gedicht endet tragisch: Keiner der Gläubigen erreicht das Ufer lebend. Die Gemeinde mit ihrem Priester wird von den Wellen verschlungen. Doch am nächsten Morgen schwimmt das Kreuz, wundersam erleuchtet vom Morgenrot, unter den Trümmern und Klippen – ein Symbol für den unerschütterlichen Glauben und die Hoffnung, die selbst den Tod überdauern.

Schlüsselwörter

wogen orten choral sonder zahl kreuz könig allen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
An den Ufern der Bretagne, horch! welch nächtlich Wiederhallen!
Anapher
Herr! Du bist ja aller Orten, in den Tiefen, auf den Höhn
Enjambement
Alle kommen, Kinder, Greise, Weib und Mann, dem Herrn zu dienen nach der Väter frommer Weise
Hyperbel
Krachend Bord und Mast und Ruder, pfeifen Kugeln sonder Zahl
Kontrast
Tod im Wasser, Tod am Ufer, keine Rettung rings umher!
Metapher
Doch des Glaubens heil'ge Flamme sollt ihr nimmer uns bezähmen!
Parallelismus
Neugeborene zu taufen, einzusegnen Ehebund
Personifikation
Leis, o leis! der Abend dämmert!
Symbolik
Das Kreuz als Symbol des Glaubens und der Hoffnung