Brennende Liebe
1797Und willst du wissen, warum So sinnend ich manche Zeit, Mitunter so töricht und dumm, So unverzeihlich zerstreut, Willst wissen auch ohne Gnade, Was denn so Liebes enthält Die heimlich verschlossene Lade, An die ich mich öfters gestellt?
Zwei Augen hab′ ich gesehn, Wie der Strahl im Gewässer sich bricht, Und wo zwei Augen nur stehn, Da denke ich an ihr Licht. Ja, als du neulich entwandtest Die Blume vom blühenden Rain, Und »Oculus Christi« sie nanntest, Da fielen die Augen mir ein.
Auch gibt′s einer Stimme Ton, Tief, zitternd, wie Hornes Hall, Die tut′s mir völlig zum Hohn, Sie folget mir überall. Als jüngst im flimmernden Saale Mich quälte der Geigen Gegell, Da hört′ ich mit einem Male Die Stimme im Violoncell.
Auch weiß ich eine Gestalt, So leicht und kräftig zugleich, Die schreitet vor mir im Wald, Und gleitet über den Teich; Ja, als ich eben in Sinnen Sah über des Mondes Aug′ Einen Wolkenstreifen zerrinnen, Das war ihre Form, wie ein Rauch.
Und höre, höre zuletzt, Dort liegt, da drinnen im Schrein, Ein Tuch mit Blute genetzt, Das legte ich heimlich hinein. Er ritzte sich nur an der Schneide, Als Beeren vom Strauch er mir hieb, Nun hab′ ich sie alle beide, Sein Blut und meine brennende Lieb′.
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Interpretation
Das Gedicht "Brennende Liebe" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt die intensiven Gefühle einer verliebten Frau, die von der Anwesenheit und den Erinnerungen an ihren Geliebten überwältigt wird. Die Sprecherin erklärt, warum sie oft zerstreut und in Gedanken versunken ist, und offenbart die Geheimnisse ihrer "heimlich verschlossenen Lade". Die Lade enthält Erinnerungen an die Augen des Geliebten, die wie ein Lichtstrahl im Wasser brechen und die Sprecherin ständig an ihn denken lassen. Auch die Stimme des Geliebten, tief und zitternd wie ein Horn, verfolgt sie überallhin. Selbst inmitten des Lärms einer Saalveranstaltung hört sie sie plötzlich im Klang eines Violoncellos. Die Gestalt des Geliebten, leicht und kräftig zugleich, erscheint ihr im Wald und gleitet über Teiche, wie ein Rauchstreifen, der sich über den Mondaugen auflöst. Schließlich enthüllt die Sprecherin den wahrhaftigsten und intimsten Inhalt der Lade: ein Tuch, das mit dem Blut des Geliebten getränkt ist. Dieses Blut stammt von einer kleinen Verletzung, die er sich bei der Beerenernte zugezogen hat. Die Sprecherin bewahrt sowohl das Blut als auch ihre "brennende Lieb'" in der Lade auf, was die Intensität und Leidenschaft ihrer Gefühle verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Zwei Augen hab' ich gesehn, Wie der Strahl im Gewässer sich bricht
- Personifikation
- Als jüngst im flimmernden Saale Mich quälte der Geigen Gegell
- Symbolik
- Und höre, höre zuletzt, Dort liegt, da drinnen im Schrein, Ein Tuch mit Blute genetzt
- Vergleich
- Die schreitet vor mir im Wald, Und gleitet über den Teich