Sag‘, alter Narr, was rennst du wieder
So kreuz und quer, bergauf und nieder?
Was suchst du denn? Laß sein, laß sein!
Die Weite bringt es dir nicht ein,
Im Breiten wirst du’s nicht erringen!
Da mußt du in die Tiefe dringen.
Der Weg ist kurz, die Arbeit schlicht:
Fünf Schuh tief, weiter braucht es nicht.
Breite und Tiefe
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Breite und Tiefe“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine pointierte Auseinandersetzung mit der Frage nach dem wahren Erkenntnisweg. Es zeichnet sich durch eine schlichte Sprache und eine klare, didaktische Struktur aus, die den Leser direkt anspricht und zur Reflexion anregt. Der Autor wendet sich in direkter Ansprache an einen „alten Narr“, eine Figur, die für rastloses Suchen und zielloses Umherirren steht.
Die erste Hälfte des Gedichts entlarvt das oberflächliche Streben des Narren. Der „Narr“ wird getadelt für sein zielloses Umherirren „kreuz und quer, bergauf und nieder“. Vischer hinterfragt das Verfolgen von Zielen, die in der „Weite“ und der „Breite“ liegen. Der Hinweis, dass die gesuchte Erkenntnis nicht durch diese Art der Suche erlangt werden kann, deutet auf eine Kritik an einem oberflächlichen, zerstreuten Lebensstil hin, der sich in weltlichen Dingen verliert.
Die zweite Hälfte des Gedichts bietet die Lösung an. Der „Narr“ wird aufgefordert, „in die Tiefe zu dringen“. Die anschließende Präzisierung der „Tiefe“ – „fünf Schuh tief“ – entlarvt die scheinbar komplizierte Suche als eine einfache, konzentrierte Arbeit. Die kurze Distanz verdeutlicht die Einfachheit und Direktheit des wahren Erkenntnisweges, der nicht durch äußere Weite, sondern durch innere Tiefe gekennzeichnet ist.
Vischers Gedicht ist eine Metapher für die Suche nach Sinn und Erkenntnis. Es kritisiert die Tendenz, im Leben nach äußerlichen Erfolgen und Zerstreuung zu streben, und plädiert stattdessen für eine Konzentration auf die Tiefe, auf das Wesentliche. Die „Tiefe“ symbolisiert hier die Konzentration, die innere Einkehr und die Auseinandersetzung mit sich selbst, die notwendig sind, um zu wahrer Erkenntnis zu gelangen. Der „Narr“ ist daher ein Symbol für jeden, der im Leben oberflächlich und ziellos umherirrt und die wahre Tiefe des Seins verfehlt.
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Lizenz und Verwendung
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