Brautseele I
1904Das Gewand meiner Seele zittert im Sturm deiner Liebe, Wie tief im Hain Das Herz des Frühlings zittert. Ja du mein heftiges Herz: wir haben Frühling. Auf einmal ist nun alles Blühen da. Meine freudigen Wangen Sind aufgegangen Fromm nach deinen Küssen. Gefährlich bist du, o Frühling, Und verwirrt Wie von heftiger Süße Prangenden Weines Pocht meine Seele. Wie er so sonnend mich streichelt Mit seinen Strahlen allen Und schlafen möchte ich Immerzu.
So träume ich vom eigenen Blute Und bin so wach Von mir. So erschrocken Wie man wohl aufhorcht Im flüsternden Herzen der Nacht.
Wie Sterne, die nicht schlafen können, So stehen meine Augen, Und bin doch so müde, müde, so sonderbar müde. Sind wir Mädchen nicht alle so sonderbar müde Um diese Zeit? Das macht, du bist um uns, Du bist ein Zauberer: Ja, ja das bist du, Ein echter, rechter Zauberer. In Bäume und Menschen zauberst du ein Sehnen und Dehnen, Ein müdes verlangendes Gähnen.
Ja, ja, ihr Mädchenherzen, Der kennt euch, Vor ihm kann kein Geheimnis bestehen. Er ist ja Weib, Weib wie wir Und eine heimliche, schelmische Stärke. Frühling sag’, was machst du mit uns, Daß wir alle so sprossend müde sind. Wir fühlen dich ganz in uns, Du durchtönst uns, Tust mit uns ganz das Leben. Ja wir beben, Leben. Fromm atmet in uns eine Andacht, Und wohlig will es werden Nun überall in der sprossenden Erden. Wie wir uns regen, Da ist immer ein leises, süßes Bewegen, Da ist die Quelle ein rieselnder Spiegel, Der uns erquickt und uns darreicht, Da ist der Spiegel eine bleibende Quelle Und immer wird uns leise Süß von uns. So sind wir wartend, So zeigt es uns Verrät es uns, Wie süß wir sind Für den einen, anderen.
O komm, Komm zu mir, Ich bin ja so süß nach dir. O komm, Ich bin ja so schön nach dir. Ich deine Lebendige, Deine weilende Zier Vergehe nach dir. Jeden Tag kommt Alter, kommt Welken: O komm, Komm du dem Alter, dem Welken zuvor.
Ein Sehnen geht in allen Blumen Und will dich holen mit Farben und Duft, Und alles was schön ist auf dieser Weltwiese Ist aus Sehnen und Liebe schön.
Lieblich schlau Üben wir Schönheit Solange vor euch, Bis daß ihr kommt; Schüchtern schelmisch Spielt sich unsere arme, lodernde Seele Hin vor euch.
Dann! Dann! Dann kommen zwei lodernde Sonnen in meinen Tag, Du mein doppelter Tag! Mit deinen beiden Sonnen. Du! Du!
Und deine Hand!
Meines Mundes duftende Blüte Vergeht vor deiner Güte, Und meine Wangen Sind aufgegangen Wie meine Flechten Vor deiner Rechten. Ja du hast Recht, Glätte sie nur Du meine wirreglühende Sonne.
Rufe, locke alles heraus Aus deiner Erde, Du mein Lenz, Du hast ja gleich zwei Sonnen Und eine braucht man nur Im Himmel. Und diese beiden Sonnen Erzählen sich mir, Wie du aufgewachsen und wo Gewachsen für mich, Wie der heilige Wein Palästinas In seinem heißen schmelzenden Purpur Den Heiland mir ansagt, Sein Seelenfrühlicht, Sein wärmendes Wandeln. O wie da alles aufsteht, Feierlich, rauschend, vorbereitend!
O komm Ich bin ja so schön nach dir! O laß mich weinen, Tränen der Braut. Tränen du Böser, Daß ich so lange warten mußte auf dich. Das tut so wohl: Meine Seele badet, Dann kommt sie zu dir! Ja?
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Interpretation
Das Gedicht "Brautseele I" von Peter Hille ist eine poetische Darstellung der intensiven Gefühle und Empfindungen einer Braut, die sich auf ihre bevorstehende Hochzeit vorbereitet. Das Gedicht ist durchdrungen von einer Mischung aus Vorfreude, Sehnsucht und einer gewissen Unsicherheit, die typisch für den Zustand einer Braut sind. Die Seele der Braut wird als zitternd im Sturm der Liebe beschrieben, was die Intensität und die überwältigenden Gefühle symbolisiert, die sie erlebt. Die Naturmetaphern, wie das Herz des Frühlings, das im Hain zittert, und das Bild des Blühens, spiegeln die Erneuerung und das Erwachen wider, das die Braut in sich spürt. Die Küsschen des Geliebten werden als fromm beschrieben, was die Reinheit und die tiefe Verbundenheit der Liebe unterstreicht. Die Braut fühlt sich vom Frühling, der als Symbol für die Liebe und das Leben steht, gefährlich verwirrt, aber auch belebt. Sie ist müde, aber in einem Zustand der Wachsamkeit, als ob sie auf etwas wartet. Die Mädchenherzen werden als verzaubert dargestellt, was die magische Anziehungskraft der Liebe und die Veränderung, die sie bewirkt, verdeutlicht. Die Braut erkennt, dass der Frühling, also der Geliebte, ein Teil von ihr ist und sie durchdringt, was die tiefe Verbundenheit und das Einssein in der Liebe ausdrückt. Die Braut sehnt sich nach ihrem Geliebten und drückt den Wunsch aus, dass er zu ihr kommt, bevor das Alter und das Welken kommen. Sie ist sich ihrer eigenen Schönheit und Anziehungskraft bewusst und übt diese vor ihm, in der Hoffnung, dass er kommen wird. Die Vorstellung von zwei lodernden Sonnen symbolisiert die Vollkommenheit und die doppelte Freude, die die Braut in der Gegenwart ihres Geliebten empfindet. Die Braut beschreibt, wie sie vor der Güte ihres Geliebten vergeht und wie ihre Wangen wie Flechten vor seiner Rechten aufgehen. Sie ruft den Frühling dazu auf, alles aus der Erde zu rufen und zu locken, was die Hoffnung auf eine reiche und erfüllende Zukunft mit ihrem Geliebten ausdrückt. Die Erwähnung des heiligen Weins Palästinas und des Heilandes fügt eine spirituelle Dimension hinzu, die die Heiligkeit und die tiefe Bedeutung der bevorstehenden Vereinigung unterstreicht. Zum Abschluss drückt die Braut den Wunsch aus, weinen zu dürfen, Tränen der Braut, die aus der langen Wartezeit auf ihren Geliebten resultieren. Das Weinen wird als reinigend und wohltuend dargestellt, als eine Vorbereitung darauf, zu ihrem Geliebten zu kommen. Die Frage "Ja?" am Ende des Gedichts lässt eine gewisse Unsicherheit oder das Bedürfnis nach Bestätigung erkennen, was die menschliche Seite der Braut und ihre Verletzlichkeit in diesem Moment der Erwartung und Hoffnung zeigt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gefährlich bist du, o Frühling
- Anapher
- Ja, ja das bist du, / Ein echter, rechter Zauberer
- Bildsprache
- Wie Sterne, die nicht schlafen können, / So stehen meine Augen
- Hyperbel
- Ein Sehnen geht in allen Blumen / Und will dich holen mit Farben und Duft
- Metapher
- Meine Seele badet
- Parallelismus
- O komm, / Ich bin ja so süß nach dir. / O komm, / Ich bin ja so schön nach dir
- Personifikation
- Meines Mundes duftende Blüte / Vergeht vor deiner Güte
- Symbolik
- Wie der heilige Wein Palästinas / In seinem heißen schmelzenden Purpur / Den Heiland mir ansagt
- Vergleich
- Wie tief im Hain / Das Herz des Frühlings zittert