Brautgeleit

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Ich sehe dich, den Kranz im Haar Die zur Vermählung schreitet Von einer jungen Genienschar Umjubelt und begleitet.

Ein kleines Heer, ein feines Heer Sind alles deine Schwestern. Du bist sie und bist sie nicht mehr Und warest sie noch gestern.

Wer gibt Geleit mit Lustgetön Dem stillen Hochzeitspaare? Das sind, bekränzt mit Rosen schön, All deine raschen Jahre.

Voran ein Kindlein weint und lacht Vom Mutterarm getragen; Das zweite setzt die Füsschen sacht Und schreitet noch mit Zagen.

Es folgen Stufen mannigfalt Des jungen Menschenbildes, Mit einem scheuen Kinde wallt Ein Mägdlein schon, ein wildes.

Dann ist ein frisches minniges Lenzangesicht zu schauen Und dann ein blasses inniges Antlitz mit ernsten Brauen.

Nun eines noch, versunken ganz In still verklärten Zügen Erfüllung in des Blickes Glanz Und seliges Genügen.

Jetzt trittst du durch das Kirchentor, Dich ewig zu verbinden Die Mädchen bleiben all davor, Vergehen und verschwinden.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Brautgeleit

Interpretation

Das Gedicht "Brautgeleit" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt metaphorisch den Lebensweg einer Braut, der als Zug von verschiedenen Lebensphasen begleitet wird. Die Braut, geschmückt mit einem Kranz, wird von einer Schar von "Genien" umgeben, die ihre verschiedenen Lebensalter symbolisieren. Diese Genien sind ihre "Schwestern", die sie verkörpern und doch nicht mehr sind, da sie in der Vergangenheit liegen. Die Lebensphasen werden in einer Abfolge dargestellt, beginnend mit der Kindheit, über die Jugend bis hin zur reifen Frau. Jede Phase wird durch ein spezifisches Alter oder eine bestimmte Stimmung charakterisiert, wie das weinende und lachende Kind, das zögernde Mädchen, das frische Gesicht der Jugend und das ernste Antlitz der Reife. Das letzte Bild zeigt eine vollendete Frau, erfüllt von Genugtuung und Glanz in ihrem Blick. Im Schlussbild tritt die Braut durch das Kirchenportal, um sich für immer zu binden. Die Lebensphasen, die sie begleitet haben, bleiben zurück und verschwinden, was den Übergang in ein neues Lebenskapitel symbolisiert. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass das Leben eine Reise ist, bei der jede Phase einen Teil der Persönlichkeit ausmacht, die jedoch im Laufe der Zeit hinter uns zurückbleibt.

Schlüsselwörter

schreitet jungen heer all sehe kranz haar vermählung

Wortwolke

Wortwolke zu Brautgeleit

Stilmittel

Alliteration
stillen Hochzeitspaare
Bildlichkeit
Rosen schön, die die Jahre krönen
Enjambement
Von einer jungen Genienschar / Umjubelt und begleitet
Gegensatz
Du bist sie und bist sie nicht mehr / Und warest sie noch gestern
Metapher
Brautgeleit (als metaphorische Reise durch das Leben)
Parallelismus
Voran ein Kindlein weint und lacht / Vom Mutterarm getragen
Personifikation
Die Jahre werden als eine Schar dargestellt, die der Braut Geleit gibt
Rhythmus
Der gleichmäßige Rhythmus im gesamten Gedicht, der den Gang der Braut begleitet
Symbolik
Kranz im Haar (Symbol für die Jungfräulichkeit und den Übergang zur Ehe)