Botschaft

Hugo von Hofmannsthal

1874

Ich habe mich bedacht, daß schönste Tage Nur jene heißen dürfen, da wir redend Die Landschaft uns vor Augen in ein Reich Der Seele wandelten: da hügelan Dem Schatten zu wir stiegen in den Hain, Der uns umfing wie schon einmal Erlebtes, Da wir auf abgetrennten Wiesen still Den Traum vorn Leben niegeahnter Wesen, Ja ihres Gehns und Trinkens Spuren fanden Und überm Teich ein gleitendes Gespräch, Noch tiefere Wölbung spiegelnd als der Himmel: Ich habe mich bedacht auf solche Tage, Und daß nächst diesen drei: gesund zu sein. Am eignen Leib und Leben sich zu freuen. Und an Gedanken, Flügeln junger Adler, Nur eines frommt: gesellig sein mit Freunden. So will ich, daß du kommst und mit mir trinkst Aus jenen Krügen, die mein Erbe sind, Geschmückt mit Laubwerk und beschwingten Kindern, Und mit mir sitzest in dem Garten-Turm: Zwei Jünglinge bewachen seine Tür, In deren Köpfen mit gedämpftem Blick Halbabgewandt ein ungeheures Geschick dich steinern anschaut, daß du schweigst Und meine Landschaft hingebreitet siehst: Daß dann vielleicht ein Vers von dir sie mir Veredelt künftig in der Einsamkeit Und da und dort Erinnerung an dich Im Schatten nistet und zur Dämmerung Die Straße zwischen dunklen Wipfeln rollt Und schattenlose Wege in der Luft Dahinrolln wie ein feiner goldner Donner.

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Illustration zu Botschaft

Interpretation

Das Gedicht "Botschaft" von Hugo von Hofmannsthal ist eine poetische Einladung an einen Freund, gemeinsam die Schönheit der Natur und des Lebens zu genießen. Der Sprecher reflektiert über die wertvollsten Tage, die er mit Gesprächen und dem Erkunden der Landschaft verbracht hat. Diese Tage sind geprägt von der Verwandlung der äußeren Welt in eine innere Seelenlandschaft, in der Erinnerungen und neue Erfahrungen verschmelzen. Der Sprecher betont die Bedeutung von Gesundheit und Freundschaft als die größten Schätze des Lebens. Die Einladung an den Freund ist durchdrungen von einer tiefen Wertschätzung für die gemeinsamen Momente und die Möglichkeit, durch Poesie die Erinnerungen an diese Momente zu veredeln. Der Sprecher lädt den Freund ein, aus den Krügen zu trinken, die sein Erbe sind, und sich mit ihm im Garten-Turm zu setzen. Die Beschreibung des Turms und seiner Wächter verleiht der Szene eine mythische Dimension, die auf das Schicksal und die Vergänglichkeit des Lebens anspielt. Das Gedicht endet mit einer Vision von Einsamkeit und Erinnerung, in der der Vers des Freundes die Landschaft in der Abwesenheit des Freundes veredeln wird. Die Bilder von der Straße, die zwischen dunklen Wipfeln rollt, und den schattenlosen Wegen, die wie ein feiner goldener Donner dahinrollen, evozieren eine Atmosphäre von Sehnsucht und Melancholie. Das Gedicht ist eine Hommage an die Freundschaft, die Natur und die Kraft der Poesie, die Zeit zu überdauern und die Erinnerungen an kostbare Momente zu bewahren.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung von 's' in 'daß dann vielleicht ein Vers von dir sie mir'
Bildsprache
Die detaillierte Beschreibung der Landschaft und des Gartens
Enjambement
Der Gedankenstrich am Ende der Zeilen, der den Satz über mehrere Zeilen hinwegzieht
Hyperbel
Das 'ungeheure Geschick' wird als steinern anschauend beschrieben
Metapher
Die Landschaft wandelt sich in ein 'Reich der Seele'
Parallelismus
Die Wiederholung der Struktur in den Zeilen über die Tage und das Sein
Personifikation
Das Gespräch gleitet über dem Teich
Symbolik
Die 'Krüge, die mein Erbe sind', symbolisieren die Vergangenheit und Tradition
Vergleich
Die Gedanken werden mit 'Flügeln junger Adler' verglichen