Botschaft
1914Du sollst wieder fühlen, daß alle stark und jungen Kräfte dich umschweifen,
Daß nichts stille steht, daß Gold des Himmels um dich kreist und Sterne dich umwehn,
Daß Sonne und Abend niederfällt und Winde über blaue Meeressteppen gehn,
Du sollst durch Sturz und Bruch der Wolken wilder in die hellgestürmten Himmel greifen.
Meintest du, die sanften Hafenlichter könnten deine Segel halten,
Die sich blähen wie junge Brüste, ungebärdig drängend unter dünner LinnenHut?
Horch, im Dunkel, geisterhafte Liebesstimme, strömt und lallt dein Blut –
Und du wolltest deine Hände müde zur Ergebung falten?
Fühle: Licht und Regen deines Traumes sind zergangen,
Welt ist aufgerissen, Abgrund zieht und Himmelsbläue loht,
Sturm ist los und weht dein Herz in schmelzendes Umfangen,
Bis es grenzenlos zusammensinkt im Schrei von Lust und Glück und Tod.
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Interpretation
Das Gedicht "Botschaft" von Ernst Stadler ist eine eindringliche Aufforderung an den Leser, das Leben in seiner ganzen Intensität und Dynamik zu erfahren. Der Dichter betont die Stärke und Jugendlichkeit der umgebenden Kräfte und ruft dazu auf, die Bewegung und den Wandel in der Welt wahrzunehmen. Die Natur wird als lebendig und kraftvoll dargestellt, mit Himmel, Sternen, Sonne und Wind, die den Menschen umgeben und beeinflussen. Der Dichter ermutigt dazu, mutig und unerschrocken in die Herausforderungen des Lebens zu gehen, symbolisiert durch das Greifen in die "hellgestürmten Himmel". In der zweiten Strophe wird die Versuchung beschrieben, sich in Sicherheit und Ruhe zurückzuziehen, symbolisiert durch die "sanften Hafenlichter". Doch der Dichter warnt davor, sich von diesen trügerischen Versprechungen einlullen zu lassen. Stattdessen ruft er dazu auf, die innere Stimme und das eigene Blut zu hören, das nach Abenteuer und Leidenschaft ruft. Die Metapher der Segel, die sich wie "junge Brüste" aufblähen, unterstreicht die ungezähmte Energie und den Drang nach Freiheit. Die letzte Strophe beschreibt die Konsequenzen dieser Aufforderung zum vollen Leben. Der Traum verblasst, die Welt öffnet sich in ihrer ganzen Tiefe und Weite, und der Sturm reißt das Herz in eine schmelzende Umarmung. Dies führt zu einer Grenzerfahrung, in der Lust, Glück und Tod verschmelzen. Das Gedicht endet mit einem Ausdruck der totalen Hingabe und des Aufgehens in den elementaren Kräften des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Bis es grenzenlos zusammensinkt im Schrei von Lust und Glück und Tod
- Personifikation
- Daß nichts stille steht