Botenart
1876Der Graf kehrt heim vom Festturnei, Da wallt an ihm sein Knecht vorbei.
Hallo, woher des Wegs, sag’ an! Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn?
»Ich wandle, daß der Leib gedeih’, Ein Wohnhaus such’ ich mir nebenbei.«
Ein Wohnhaus? Nun, sprich grad’ heraus, Was ist geschehn bei uns zu Haus?
»Nichts Sonderlich’s! Nur todeswund Liegt euer kleiner weißer Hund.«
Mein treues Hündchen todeswund! Sprich, wie begab sich’s mit dem Hund?
»Im Schreck eu’r Leibroß auf ihn sprang, Drauf lief’s in den Strom, der es verschlang.«
Mein schönes Roß, des Stalles Zier! Wovon erschrak das arme Thier?
»Besinn ich recht mich, erschrak’s davon, Als von dem Fenster stürzt’ eu’r Sohn.«
Mein Sohn? Doch blieb er unverletzt? Wohl pflegt mein süßes Weib ihn jetzt?
»Die Gräfin rührte stracks der Schlag, Als vor ihr des Herrleins Leichnam lag.«
Warum bei solchem Jammer und Graus, Du Schlingel, hütest du nicht das Haus?
»Das Haus? Ei, welches meint ihr wohl? Das eure liegt in Asch’ und Kohl’!
Die Leichenfrau schlief ein an der Bahr’, Und Feuer fing ihr Kleid und Haar.
Und Schloß und Stall verlodert’ im Wind, Dazu das ganze Hausgesind!
Nur mich hat das Schicksal aufgespart, Euch’s vorzubringen auf gute Art.«
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Interpretation
Das Gedicht "Botenart" von Anastasius Grün ist eine düstere und tragische Erzählung, die durch einen Dialog zwischen einem Grafen und seinem Knecht erzählt wird. Der Graf kehrt von einem Fest zurück und trifft auf seinen Knecht, der ihm nacheilt. Die Unterhaltung beginnt harmlos, doch schnell entfaltet sich eine Kette von immer schrecklicheren Nachrichten. Der Knecht berichtet dem Grafen zunächst vom Tod seines kleinen weißen Hundes, der von seinem eigenen Pferd erschreckt und anschließend in einen Fluss gestürzt wurde. Die Nachrichten werden von einem Unglück zum nächsten gesteigert: Das Pferd erschrak, als der Sohn des Grafen aus dem Fenster stürzte. Die Gräfin erlitt einen Schlag, als sie den Leichnam ihres Mannes sah. Schließlich erfährt der Graf, dass sein gesamtes Schloss in Asche gelegt wurde, weil eine Leichenfrau eingeschlafen war und ein Feuer ausbrach. Die Struktur des Gedichts, bei der jede Frage des Grafen zu einer noch schrecklicheren Enthüllung führt, erzeugt eine zunehmende Spannung und ein Gefühl des unausweichlichen Untergangs. Die "gute Art", in der der Knecht die Nachrichten überbringt, ist von einer gewissen Gleichgültigkeit geprägt, was die Tragik der Situation noch verstärkt. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis des Grafen, dass er alles verloren hat, was ihm lieb und teuer war.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Der Graf kehrt heim vom Festturnei, Da wallt an ihm sein Knecht vorbei. Hallo, woher des Wegs, sag’ an! Wohin, mein Knecht, geht deine Bahn?
- Ironie
- Nur mich hat das Schicksal aufgespart, Euch’s vorzubringen auf gute Art.
- Metapher
- Ein Wohnhaus such’ ich mir nebenbei.
- Rhetorische Frage
- Mein treues Hündchen todeswund! Sprich, wie begab sich’s mit dem Hund?