Bonzenblues

Erich Kurt Mühsam

1926

Sei dankbar, Volk, den Edlen, die dich leiten, der Obrigkeit, die stets dein Heil bedenkt. Willst du dir selber dein Geschick bereiten, bald wär die Karre in den Sumpf gelenkt. Was weißt denn du, was für dein Wohlsein nötig ist? Das Volk gehorche, weil es brägenklötig ist. Der höhern Einsicht füge dich beizeiten, und frag nicht lang, warum der Staat dich hängt.

Vertraue, Volk, den Bonzen der Parteien, geborgen ist dein Glück in ihrem Schoß. Wenn du sie wählst, wolln alle dich befreien, wenn sie gewählt sind, melken sie dich bloß. Stell dir doch vor, wenn niemand dich regieren soll, wovon dein Bonze dann noch existieren soll. Der ganze Landtag müßt vor Hunger schreien. Selbst die Abortfrau wäre arbeitslos.

Sie haben nichts im Kopf als Paragraphen. Die Bonzen sind, o Volk, die Jungs im Skat, verhängen Steuern über dich und Strafen, und wenn du aufmuckst, dann ist’s Hochverrat. Sie merken nie, wenn alles auf der Kippe steht, sie merken immer, wo noch eine Krippe steht, doch du, o Volk, du kannst geruhsam schlafen. Die Bonzen wachen, ja es wacht der Staat.

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Illustration zu Bonzenblues

Interpretation

Das Gedicht "Bonzenblues" von Erich Kurt Mühsam kritisiert scharf die politische Klasse und ihre Verachtung für das Volk. Es zeigt auf, wie die sogenannten "Edlen" und "Obrigkeit" sich als Wohltäter darstellen, während sie in Wirklichkeit das Volk manipulieren und ausbeuten. Der Sprecher des Gedichts wirft den Herrschenden vor, das Volk als unfähig und dumm zu betrachten, das ohne ihre Führung ins Verderben stürzen würde. Im zweiten Teil des Gedichts richtet sich die Kritik gegen die Parteien und ihre Politiker, die als "Bonzen" bezeichnet werden. Mühsam macht deutlich, dass diese Politiker ihre Versprechen nach der Wahl vergessen und das Volk stattdessen ausbeuten. Er verdeutlicht die Abhängigkeit der Politiker von ihrer Position und die möglichen Folgen, wenn es keine Regierungsgewalt mehr gäbe. Der letzte Teil des Gedichts beschreibt die Bonzen als bürokratische und strafende Instanzen, die Gesetze erlassen und bestrafen, ohne die wirklichen Probleme des Volkes zu erkennen. Mühsam kritisiert die Ignoranz der Politiker gegenüber den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung und stellt die Rolle des Staates als überwachende und kontrollierende Instanz dar.

Schlüsselwörter

volk bonzen staat soll merken steht dankbar edlen

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Stilmittel

Hyperbel
Wenn du aufmuckst, dann ist's Hochverrat
Ironie
Stell dir doch vor, wenn niemand dich regieren soll
Metapher
Wo noch eine Krippe steht
Personifikation
Die Bonzen wachen, ja es wacht der Staat