Boccaccio

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

Laß in den Garten mich ein, wo deine Versammlung erzählet, Immer hab′ ich ja gern lustige Schwänke gehört; Glücklich sind die, so dir lauschen, gewiß der olympische Vater Schämte sich nicht und mit Lust hört′ ein Histörchen er an. Glücklich sind sie. Doch über den Alpen versteht man die Späße Nicht mehr, in Deutschland ist man allzu gebildet und fein. Man erröthet, man spricht von Moral, und hat sie im Munde, Aber im Herzen ist man, aber im Leben ihr Feind. Doch so ist′s immer. Man trieb in Eden Alles in Unschuld, Und nach dem Sündenfall kam erst der Teufel in Ruf.

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Illustration zu Boccaccio

Interpretation

Das Gedicht "Boccaccio" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt das Verlangen des lyrischen Ichs, an einer lebhaften Versammlung teilzunehmen, bei der lustige Geschichten erzählt werden. Das Gedicht beginnt mit einer Einladung in den Garten, wo die Gesellschaft zusammenkommt, um sich zu unterhalten. Das lyrische Ich drückt seine Vorliebe für amüsante Anekdoten aus und deutet an, dass selbst der olympische Vater, ein Symbol für höchste Autorität, solche Geschichten gerne hört. Die Anwesenden werden als glücklich beschrieben, da sie die Freiheit haben, sich solchen Vergnügungen hinzugeben. Im zweiten Teil des Gedichts wird ein Kontrast zwischen dem beschriebenen Ort und dem Norden, speziell Deutschland, gezogen. In den Ländern jenseits der Alpen, so der Sprecher, versteht man den Humor nicht mehr. Die Menschen dort seien zu gebildet und fein, um sich solchen Spaßes hinzugeben. Sie erröten bei der Erwähnung solcher Themen und sprechen von Moral, aber im Herzen und im Leben sind sie Feinde dieser Moral. Das Gedicht kritisiert die Heuchelei und die übertriebene Sittenstrenge, die das natürliche Vergnügen und die Unschuld ersticken. Im letzten Teil des Gedichts wird auf die biblische Geschichte von Adam und Eva im Garten Eden Bezug genommen. Es wird darauf hingewiesen, dass in diesem Zustand der Unschuld alles erlaubt war. Erst nach dem Sündenfall, als die Menschen das Wissen um Gut und Böse erlangten, kam der Teufel in Verruf. Das Gedicht schließt mit der Feststellung, dass dies immer so gewesen ist: Die Unschuld erlaubt alles, aber das Wissen bringt Einschränkungen und Verurteilungen mit sich.

Schlüsselwörter

glücklich laß garten versammlung erzählet hab gern lustige

Wortwolke

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Stilmittel

Allegorie
Doch so ist′s immer. Man trieb in Eden Alles in Unschuld, Und nach dem Sündenfall kam erst der Teufel in Ruf
Hyperbel
Immer hab′ ich ja gern lustige Schwänke gehört
Ironie
Man erröthet, man spricht von Moral, und hat sie im Munde, Aber im Herzen ist man, aber im Leben ihr Feind
Kontrast
Doch über den Alpen versteht man die Späße Nicht mehr, in Deutschland ist man allzu gebildet und fein
Metapher
Glücklich sind die, so dir lauschen, gewiß der olympische Vater
Personifikation
Glücklich sind die, so dir lauschen, gewiß der olympische Vater