Blumentag

Kurt Tucholsky

1911

Der dicke Bürger greift in seine Weste: »Da nimm! mein Kind!« – Er gibt den Sechser mit gerührter Geste – die Träne rinnt! –

Das Auge tropft. Der dicke Bauch schlägt Wellen. Er schenkte was!! – – In solchen Patriotenrummelfällen da tut er das!

Er sorgt für Veteranenpensionierung von Stolz geschwellt – Bei uns hat nämlich dafür die Regierung, weiß Gott! kein Geld.

Denn sie muß eifrig auf die ††† Roten fahnden – sie darf nicht ruhn. Sie muß politische Verbrechen ahnden – sie hat zu tun –!!

Das leert vor allem andern ihre Kassen. – Fürs Kriegerpack da betteln sie derweil auf allen Gassen – Kornblumentag …

Der Bürger denkt bei Tisch, nach süßen Torten und blauem Aal, (Hupp! stößt′s ihm auf – ): »Wie sind wir allerorten christlich-sozial!« –

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Illustration zu Blumentag

Interpretation

Das Gedicht "Blumentag" von Kurt Tucholsky kritisiert die Doppelmoral und Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft und Politik in der Weimarer Republik. Es zeigt auf, wie sich die Bürger und die Regierung als patriotisch und sozial gerieren, während sie gleichzeitig die wahren Bedürfnisse der Veteranen und Bedürftigen ignorieren. Das Gedicht beginnt mit einer Szene, in der ein wohlhabender Bürger einem Kind einen Sechser schenkt, begleitet von einer rührseligen Geste und einer Träne. Diese Szene wird als Symbol für die scheinheilige Wohltätigkeit der bürgerlichen Gesellschaft interpretiert, die sich gerne als großzügig und mitfühlend darstellt, aber in Wirklichkeit nur wenig für diejenigen tut, die wirklich Hilfe benötigen. Der zweite Teil des Gedichts richtet den Fokus auf die Regierung und ihre Prioritäten. Es wird deutlich, dass die Regierung kein Geld für die Pensionierung von Veteranen hat, sondern stattdessen ihre Ressourcen darauf verwendet, nach vermeintlichen "Roten" zu fahnden und politische Verbrechen zu ahnden. Dies wird als Kritik an der reaktionären Politik der Weimarer Republik interpretiert, die mehr darauf bedacht war, linke Oppositionelle zu verfolgen, als sich um das Wohl der Bevölkerung zu kümmern. Im letzten Teil des Gedichts wird der "Kornblumentag" erwähnt, ein Tag, an dem um Spenden für Veteranen gebeten wurde. Die Ironie liegt darin, dass die Regierung und die bürgerliche Gesellschaft, die sich als christlich-sozial bezeichnen, die Veteranen eigentlich unterstützen sollten, aber stattdessen von ihnen Almosen erbitten müssen. Das Gedicht endet mit der Selbstzufriedenheit des Bürgers, der sich als "christlich-sozial" betrachtet, obwohl er in Wirklichkeit nur wenig für diejenigen tut, die wirklich Hilfe benötigen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Patriotenrummelfälle
Hyperbel
Der dicke Bauch schlägt Wellen
Ironie
Er gibt den Sechser mit gerührter Geste
Kontrast
Fürs Kriegerpack da betteln sie derweil auf allen Gassen
Metapher
Der dicke Bürger greift in seine Weste
Personifikation
Das Auge tropft
Spott
Wie sind wir allerorten christlich-sozial!
Symbolik
Kornblumentag