Blumen des Gartens

Johann Rist

1607

Liebster, wilst du meiner warten, Bis die Sonne bricht herfür, Und mich führen in den Garten Durch der Andacht schöne Thür, Zarter Blumen Lieblichkeit In der süßen Frühlingszeit Mit Verwundern zu besehen, Ei, so kom und laß uns gehen!

Jesu, sol ich deinen Augen Einmal recht gefällig sein, Sol mein Schmuck nur etwas taugen, Sol ich prangen hell und rein Dir zur Ehr und mir zum Ruhm: Ei, so must du manche Blum′ An den klaren Tugendbächen, Mich zu zieren, freundlich brechen.

Ja, du führst mich bei den Händen Zu dem bunten Blumenheer; Ach, wohin sol ich mich wenden, Finden, was ich längst begehr? Haben dort nicht ihre Stell′ Edle Rosen, die so hell Und gar rot von Farben blühen, Daß sie Purpur vorzuziehen?

Aber das so scharfe Stechen Ihrer Zweiglein thut mir weh; Herr, du wollst es ja nicht rächen, Wenn ich leider nochmals geh′ In der schnöden Wollust Bahn, Wie ich manchen Tag gethan, So daß ich in Schand und Nöten Wie die Rose muß erröten.

Lieblich zwar sind diese Rosen, Dauern doch nur kurze Zeit; Solt′ ich selber mich liebkosen Wie ein Kind der Eitelkeit? Nein, die Wollust fliegt dahin; Auch des Lebens Rauberin, Unsre Zeit, muß schnell vergehen, Wie die Rosen nicht bestehen.

Liebster, führe mich nur weiter Auf das klare Lilienfeld, Brich mir eine, mein Begleiter! Bin ich dir doch zugesellt. Ach, daß solch ein edle Blum′ Ich in deinem Heiligtum Möcht′ in rechter Unschuld heißen Und von wahrer Tugend gleißen.

Aller Menschen Schmuck und Prangen Ist doch lauter Trügerei; Auch kein Kaiser kan′s erlangen, Daß er gleich den Lilien sei. Wil ich helle Kleider sehn, Darf ich nur zum Garten gehn, Wo die Blumen auch erzählen, Daß uns Christen nichts kan fehlen.

Ei, wie blühen die Narcissen Und Violen mancher Art! Gleichwol läßt mein Freund mich wissen, Daß die Zeit sie nimmer spart. Was ist unser Leben doch! Wenn man ist bemühet noch, Viel zu lernen, viel zu schaffen, Pflegt der Tod uns hinzuraffen.

Meine Zeit ist fast vergangen: Führe mich, mein Jesu, hin, Wo sich stillet mein Verlangen Und ich selbst dein Blümlein bin, In das schönste Paradeis, Wo man nichts zu sagen weiß Als von Jauchzen, Triumphieren, Mit den Deinen zu regieren.

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Illustration zu Blumen des Gartens

Interpretation

Das Gedicht "Blumen des Gartens" von Johann Rist ist eine tiefgründige Allegorie, die die Vergänglichkeit des Lebens und die Suche nach spiritueller Reinheit thematisiert. Der Sprecher lädt den "Liebsten" ein, ihn in einen Garten zu führen, der als Metapher für einen spirituellen Raum dient. Hier werden verschiedene Blumen als Symbole für unterschiedliche Aspekte des menschlichen Daseins und der Tugend dargestellt. Die Rosen, obwohl schön, stechen und symbolisieren die vergängliche Natur der weltlichen Schönheit und der Wollust. Im Gegensatz dazu stehen die Lilien, die für Unschuld und wahre Tugend stehen und die der Sprecher als Schmuck vorzieht. Die Interpretation des Gedichts offenbart eine tiefe spirituelle Suche. Der Sprecher reflektiert über die Eitelkeit weltlicher Schmuckstücke und die Vergänglichkeit des Lebens, wie sie durch die schnell verblühenden Rosen und andere Blumen symbolisiert wird. Er erkennt, dass wahre Schönheit und Tugend, wie sie von den Lilien repräsentiert werden, beständiger und wertvoller sind. Diese Erkenntnis führt zu dem Wunsch, selbst ein "Blümlein" in Jesu Heiligtum zu sein, was einen Zustand spiritueller Reinheit und Nähe zu Gott darstellt. Abschließend drückt das Gedicht den Wunsch des Sprechers aus, in das "schönste Paradeis" geführt zu werden, wo er in ewiger Freude und Gemeinschaft mit dem Göttlichen leben kann. Dieses Paradies ist ein Ort, an dem alle irdischen Sorgen und die Vergänglichkeit des Lebens überwunden sind. Die Reise durch den Garten der Blumen wird somit zu einer Metapher für die spirituelle Reise des Menschen, die von der Erkenntnis der Vergänglichkeit des Irdischen zur Suche nach ewiger, göttlicher Schönheit und Wahrheit führt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Mit Verwundern zu besehen, Ei, so kom und laß uns gehen!
Metapher
Mit den Deinen zu regieren
Personifikation
Und mich führen in den Garten Durch der Andacht schöne Thür
Rhetorische Frage
Was ist unser Leben doch!
Vergleich
Wie die Rosen nicht bestehen