Blues

Joachim Ringelnatz

1883

Wenn du nicht froh kannst denken, Obwohl nichts Hartes dich bedrückt, Sollst du ein Blümchen verschenken Aufs Geratewohl von dir gepflückt.

Irgendein staubiger, gelber, – Sei′s Hahnenfuß – vom Wegesrand. Und schenke das Blümchen dir selber Aus linker Hand an die rechte Hand.

Und mache dir eine Verbeugung Im Spiegel und sage: “Du, Ich bin der Überzeugung, Dir setzt man einzig schrecklich zu. Wie wär′s, wenn du jetzt mal sachlich Fleißig einfach arbeiten tätst? Später prahle nicht und jetzt lach nicht, Daß du nicht in Übermut gerätst.”

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Illustration zu Blues

Interpretation

Das Gedicht *Blues* von Joachim Ringelnatz beschreibt eine Methode, um mit gedrückter Stimmung umzugehen, ohne dass ein konkreter Grund dafür vorliegt. Der Sprecher schlägt vor, ein zufällig gepflücktes Blümchen zu verschenken, als symbolische Geste der Selbstfürsorge. Das Bild des staubigen, gelben Hahnenfußes vom Wegesrand unterstreicht die Einfachheit und Bescheidenheit dieser Handlung. Die ungewöhnliche Geste, sich selbst das Blümchen aus der linken Hand in die rechte zu reichen, betont die Intimität und Selbstannahme, die in diesem Ritual steckt. Die zweite Strophe vertieft die Idee der Selbstgesprächstherapie. Die Verbeugung vor dem Spiegel und die liebevollen, aber bestimmten Worte an sich selbst zeigen einen Versuch, sich selbst zu trösten und zu motivieren. Die Zeile "Du, ich bin der Überzeugung, Dir setzt man einzig schrecklich zu" offenbart eine empathische Selbstwahrnehmung, die die eigenen Kämpfe anerkennt. Gleichzeitig wird eine pragmatische Haltung gefordert: "Wie wär's, wenn du jetzt mal sachlich fleißig einfach arbeiten tätst?" Dieser Appell zur produktiven Tätigkeit dient als Ablenkung von negativen Gedanken und als Weg, wieder ins Leben zurückzufinden. Das Gedicht endet mit einer Warnung vor Übermut, was die Balance zwischen Selbstfürsorge und Selbstdisziplin unterstreicht. Die Anweisung, später nicht zu prahlen und jetzt nicht zu lachen, deutet auf eine realistische und maßvolle Herangehensweise an die eigene Stimmung hin. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Botschaft der Selbsthilfe durch kleine, bewusste Handlungen und eine liebevolle, aber auch strenge innere Stimme, die den Weg aus der Melancholie weist.

Schlüsselwörter

blümchen hand froh kannst denken obwohl hartes bedrückt

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Stilmittel

Anapher
Wenn du nicht froh kannst denken, Obwohl nichts Hartes dich bedrückt, Sollst du ein Blümchen verschenken
Bildlichkeit
Irgendein staubiger, gelber, – Sei's Hahnenfuß – vom Wegesrand
Imperativ
Sollst du ein Blümchen verschenken, Und schenke das Blümchen dir selber, Und mache dir eine Verbeugung
Kontrast
Später prahle nicht und jetzt lach nicht, Daß du nicht in Übermut gerätst
Personifikation
Dir setzt man einzig schrecklich zu