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Blick in die Tiefe

Von

„Was stehst du so düster und von mir gewandt?
Was seh ich verhüllend die zitternde Hand
An′s strömende Auge dich pressen?
O laß uns, Geliebte! den peinlichen Streit,
Der unsre Gemüther für Stunden entzweit,
In süßer Versöhnung vergessen!“

Und hab ich verletzt dich mit thörichtem Wort,
So mögen die eilenden Winde es fort
Wie Nebel des Morgens verjagen!
Oft kränket die Liebe so tief wie der Haß –
Was irrend an dir sie verbrochen, o laß′
Nicht Wurzeln im Herzen es schlagen!“

Wohl mag′s der Liebe auch begegnen
Daß Kränze sie von Dornen flicht,
Doch selbst ihr Zürnen ist ein Segnen:
Sie tödtet, doch erniedrigt nicht.
Ihr Dolch macht breite Wunden klaffen,
Wenn er sich in die Seele taucht,
Doch stolz verschmäht sie solche Waffen
Wie du sie gegen mich gebraucht.

In ihres Zornes wildem Grauen
Ist sie ein Blitz, der zündend trifft,
Doch saugt sie nicht aus dem Vertrauen,
Das ihr geworden, heimlich Gift!
Sie drängt sich nicht in eine Seele,
Ein falscher, lauernder Spion,
Ins Antlitz ihr beweinte Fehle
Zu schleudern einst mit frechem Hohn. –

Ein See mit sanftbewegten Wogen
Schien mir dein trügerisch Gemüth,
Licht überwölbt vom Himmelsbogen,
Von duft′gen Ranken überblüht;
Allein die ersten Stürme riefen
Empor an den wahrhaft′gen Tag
Was, lang bedeckt, in seinen Tiefen
An ungeahnten Gräueln lag.

Zwar hat des Sturmes Nachtgefieder
Zur Ruhe sich nunmehr gelegt,
Mich aber täuscht der See nicht wieder –
Ich weiß, was seine Tiefe hegt!
Entfremdet bist du meinem Herzen,
Zerrissen jedes Liebesband!
Wie möchte mit der Natter scherzen,
Wer ihres Stiches Qual empfand!

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Gedicht: Blick in die Tiefe von Betty Paoli

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Blick in die Tiefe“ von Betty Paoli ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Turbulenzen und der Enttäuschung in einer gescheiterten Liebesbeziehung. Es beginnt mit einer direkten Ansprache an die Geliebte, die durch ihre Distanziertheit und Tränen die tiefe Verletzlichkeit der Beziehung offenbart. Der Sprecher versucht, den Konflikt zu beenden und die Vergangenheit zu vergessen, doch die folgenden Strophen enthüllen das Ausmaß des Leids und die zerstörerischen Auswirkungen der Auseinandersetzung.

In den mittleren Strophen wird die Natur der Liebe selbst hinterfragt. Paoli zeichnet ein Bild der Liebe, die sowohl Verletzungen verursacht als auch segensreich sein kann. Obwohl die Liebe „Kränze von Dornen flicht“ und „breite Wunden klaffen“ kann, vergleicht sie die Liebe mit einem Blitz, der zwar treffen und verletzen, aber nicht heimlich Gift ins Vertrauen tröpfeln würde. Diese Gegenüberstellung hebt die Ehrlichkeit und Direktheit der Liebe hervor, im Gegensatz zu den falschen Absichten und dem Verrat, die im Verlauf der Beziehung offenbar wurden.

Die letzten Strophen nehmen eine Wendung und offenbaren die eigentliche Tragödie: das Erwachen aus einer Täuschung. Die anfängliche Wahrnehmung des geliebten Menschen als ein sanft bewegter See, bedeckt von Schönheit und Licht, wird durch die Stürme der Konflikte zerrissen. Der Sprecher erkennt die „ungeahnten Gräuel“ in den Tiefen, die vorher verborgen waren. Das Ende ist geprägt von Entfremdung und dem unwiderruflichen Bruch der Liebesbande. Die abschließende Metapher der Schlange und ihres Stichs verdeutlicht das tiefe Misstrauen und die Unfähigkeit, die Verletzungen zu vergessen.

Das Gedicht ist somit eine bittere Abrechnung mit einer gescheiterten Liebe, in der die Enttäuschung über die Enthüllung der verborgenen Natur des geliebten Menschen im Vordergrund steht. Paoli verwendet eindringliche Bilder, um die Zerrissenheit und den Schmerz des Sprechers zu vermitteln, und zeichnet gleichzeitig ein differenziertes Bild der Liebe, die sowohl zerstörerisch als auch potenziell erhebend sein kann. Die Tiefe des Gedichts liegt in der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der es die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Folgen von Täuschung und Verrat erforscht.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.