Blick in die Tiefe
1856“Was stehst du so düster und von mir gewandt? Was seh ich verhüllend die zitternde Hand An′s strömende Auge dich pressen? O laß uns, Geliebte! den peinlichen Streit, Der unsre Gemüther für Stunden entzweit, In süßer Versöhnung vergessen!”
Und hab ich verletzt dich mit thörichtem Wort, So mögen die eilenden Winde es fort Wie Nebel des Morgens verjagen! Oft kränket die Liebe so tief wie der Haß - Was irrend an dir sie verbrochen, o laß′ Nicht Wurzeln im Herzen es schlagen!"
Wohl mag′s der Liebe auch begegnen Daß Kränze sie von Dornen flicht, Doch selbst ihr Zürnen ist ein Segnen: Sie tödtet, doch erniedrigt nicht. Ihr Dolch macht breite Wunden klaffen, Wenn er sich in die Seele taucht, Doch stolz verschmäht sie solche Waffen Wie du sie gegen mich gebraucht.
In ihres Zornes wildem Grauen Ist sie ein Blitz, der zündend trifft, Doch saugt sie nicht aus dem Vertrauen, Das ihr geworden, heimlich Gift! Sie drängt sich nicht in eine Seele, Ein falscher, lauernder Spion, Ins Antlitz ihr beweinte Fehle Zu schleudern einst mit frechem Hohn. -
Ein See mit sanftbewegten Wogen Schien mir dein trügerisch Gemüth, Licht überwölbt vom Himmelsbogen, Von duft′gen Ranken überblüht; Allein die ersten Stürme riefen Empor an den wahrhaft′gen Tag Was, lang bedeckt, in seinen Tiefen An ungeahnten Gräueln lag.
Zwar hat des Sturmes Nachtgefieder Zur Ruhe sich nunmehr gelegt, Mich aber täuscht der See nicht wieder - Ich weiß, was seine Tiefe hegt! Entfremdet bist du meinem Herzen, Zerrissen jedes Liebesband! Wie möchte mit der Natter scherzen, Wer ihres Stiches Qual empfand!
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Interpretation
Das Gedicht "Blick in die Tiefe" von Betty Paoli thematisiert die Enttäuschung und den Schmerz in einer einst geliebten Beziehung. Der Sprecher wendet sich an seinen Geliebten, der ihm den Rücken zugekehrt hat und seine Augen verbirgt. Er bittet um Versöhnung und Vergebung für verletzende Worte, die wie Morgennebel vom Winde verweht werden sollen. Doch der Sprecher erkennt, dass die Liebe manchmal tiefer verletzt als der Hass. Er vergleicht die Liebe mit einem Dolch, der breite Wunden reißt, aber nicht erniedrigt. Im Gegensatz dazu hat der Geliebte eine Waffe gegen ihn eingesetzt, die er als stolz verachtet. Die Liebe sei ein Blitz, der zündend trifft, aber kein Gift aus dem Vertrauen saugt oder als falscher Spion in die Seele drängt. Am Ende des Gedichts zieht der Sprecher eine bittere Bilanz. Er hatte die Seele des Geliebten wie einen See mit sanften Wellen und himmlischem Licht gesehen, doch die ersten Stürme haben das Verborgene an ungeahnten Gräueln ans Licht gebracht. Obwohl sich die stürmische Nacht gelegt hat, weiß der Sprecher nun, was die Tiefe des Sees birgt. Er fühlt sich entfremdet und die Liebesbande sind zerrissen. Der Sprecher vergleicht sich mit jemandem, der nicht mehr mit einer Natter scherzen kann, nachdem er ihren schmerzhaften Stich erfahren hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zwar hat des Sturmes Nachtgefieder
- Hyperbel
- Ihr Dolch macht breite Wunden klaffen
- Metapher
- Ein See mit sanftbewegten Wogen / Schien mir dein trügerisch Gemüth
- Personifikation
- Oft kränket die Liebe so tief wie der Haß
- Symbolik
- Liebe als See, der verborgene Gräuel birgt
- Vergleich
- Wie möchte mit der Natter scherzen, / Wer ihres Stiches Qual empfand!