Bleiche Nacht
1863Der Nebel staut sich, Hütten dunkeln, Dorfgiebel huschen über Lichtern hin, noch bleicher scheint die Nacht; die jagende Wagenkette, schwenkend, strafft sich, die Maschine heult Warnung, und vorbei. Ein entlaubter Kirchhof, und wieder kreisen um mein klirrendes Fenster die öden Wiesen, huschen Büsche, eilt der fahle Streifen Horizont auf den kriechenden Wäldern hin; mich fröstelt.
Drei Monate: da war die Mondnacht anders hier. Wie auf Wolken trug der kleine Kahn des stummen Fischers uns den Fluß hinab; selbst die Schatten gaben Licht. An meiner Seite saß ein Freund, und ich sagte ihm all mein Herzensbangen für ihr Glück. Und über ihrem Giebel, unterm Baldachin der Königspappel, als wir durch die Brücke bogen, stand groß und strahlend wie in einem Tabernakel der goldne Mond und senkte flimmernd auf das Moos des Daches sein grünes Haar. Heute aber, als ich Abschied nahm, achselzuckt ich: mein Fräulein, Glück - ?? Und jener Freund dachte wohl schon damals: du Tropf und Schuft! -
Mein Fenster schwitzt; das kühlt die Stirne; gleich und gleich gesellt sich gem. Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul bleich ins bleiche Feld; ein Dombusch zerreißt ihn. Jetzt: dort starrt, wie durch ein Giner ein Wahnsinnskopf, der grelle Vollmond durch die kahlen Birken. Er springt durchs Astwerk; mit seinen langen blassen Füßen läuft er auf den blanken Schienen meinen rasenden Gedanken nach.
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Interpretation
Das Gedicht "Bleiche Nacht" von Richard Dehmel beschreibt eine düstere und unheimliche Nachtatmosphäre. Der Nebel staut sich, die Hütten verdunkeln sich und die Dorfgiebel huschen über den Lichtern hinweg. Die Nacht erscheint noch bleicher und die jagende Wagenkette strafft sich. Die Maschine heult eine Warnung und zieht vorbei. Ein entlaubter Kirchhof und öde Wiesen umgeben das klirrende Fenster des Erzählers. Büsche huschen vorbei und der fahle Horizont eilt auf die kriechenden Wälder zu. Der Erzähler fröstelt in dieser kühlen Nacht. In einem Rückblick erinnert sich der Erzähler an eine andere Mondnacht vor drei Monaten. Damals trug ein kleiner Kahn den Erzähler und einen stummen Fischer den Fluss hinab. Selbst die Schatten spendeten Licht. An seiner Seite saß ein Freund, dem er all sein Herzensbangen für das Glück einer Frau erzählte. Unter dem Baldachin einer Königspappel stand der goldene Mond groß und strahlend wie in einem Tabernakel. Er senkte sein grünes Haar auf das Moos des Daches. Heute jedoch, als der Erzähler Abschied nahm, zuckte er nach, als er an sein Fräulein und das Glück dachte. Der Freund dachte wohl schon damals, dass der Erzähler ein Tropf und Schuft sei. Das Fenster des Erzählers schwitzt und kühlt seine Stirn. Gleich und gleich gesellt sich gemäß dem Sprichwort. Ein wirbelnder, funkelnd durchwirkter Dampfknäuel rollt bleich ins bleiche Feld. Ein Dombusch zerreißt ihn. Plötzlich starrt der grelle Vollmond durch die kahlen Birken wie durch ein Gitter. Er springt durch das Astwerk und mit seinen langen, blassen Füßen läuft er auf den blanken Schienen den rasenden Gedanken des Erzählers nach.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- läuft er auf den blanken Schienen meinen rasenden Gedanken nach
- Personifikation
- Hütten dunkeln