Blanke Nächte

Max Dauthendey

1867

Melodien eines Mondsüchtigen

Werdender Mond

1

Die hohen Pappeln starren eisendunkel. Schwarzblaue Steine glimmen im grauen Wiesentau. Bleich fließt die Nacht.

Eisgrüne Meere ziehen durch den tiefen Äther, Und ihre lichten Wellen rühren an mein Blut.

Blau, in aschenweißen Fluten, Schwingt ein dunkel Echo meines Körpers. Bleich, von meinem Fleisch, Reg entzündet Augen, meine Augen, Und mit der blassen Strömung fließt mein blaues Bild.

2

Der Jasmin schwimmt heller aus den tiefen Büschen. Seidenglanz gleißt durch das blaue Gras.

Ich weiß es nicht … es ist … Ich sah dich schon vor Zeiten. Doch damals, mein bleiches Bild, Du blühtest tiefer, unergründlich silbern. So tönen Schatten hohl aus einer Gruft.

3

Steil in schwarzen Zacken loht der Tann. Milchhell Lachen schweben durch die Waldnacht. An den Stämmen rinnen weiße Säfte. Hoch aus graugespaltnen Wolken Glimmt der grüne Ätherschnee.

Blauer schwellen deine Glieder, Und der Eisduft deines Fleisches Singt von fernen bleichen Ländern. In den letzten violetten Wäldern Blühen silberblasse Schluchten, Wiegen marmorlichte Dolden blanke Düfte. - Weiße Sehnsucht blendet scharf mein Blut.

4

Stahlweiß brennt in Nacktheit eine Insel Aus dem schwarzgeschlossenen Nachtmeer.

Und mein blauer Schatten
Öffnet goldne Augen
Nach den silbernen Gestaden,
Sieh der Weg liegt blank im Äther offen! -

Vollmond

5

Grellgestürzt schrille Schluchten. Tief in phosphorgrünen Schachten Glühen stumm metallne Spiegel, Weiß und lautlos festerstarrt.

Du liegst eingegossen blau Vor mir in dem klaren Erz.

Und ich knie nieder, Meine Augen beten: Strahle deinen blauen Atem in mein Blut.

6

Blaue Schatten knien an den Ufern. Lächeln in die Silberspiegel, Ihre gelben Augen singen hell und dunkel.

Alle, Kinder dieser bleichen Insel. Blaue Wesen, die der Mond geboren. Und die Feuer ihrer Augen Glühen hell die Sprache ihres Schweigens.

Aus den weißen Spiegeln blühen Blaue Echo ihrer Schatten.

Jeder betet zu dem eignen Bilde. Ihre goldnen Phosphoraugen Küssen heiß sich selber im Metall, Und die blauen Wesen schmelzen bleichend, In das eigne blaue Spiegelbild.

Durch die grünen Einsamkeiten Wallt der Klagelaut der Blidatulpen, Und die elfenbeinbleichen Kelche Gießen Schnee.

7

Hoch am schneeigen Schachtrand Rauschen weiß die Schwanenbäume, Und aus grünem Eis die Blüten Schwingen mit kristallenen Flügeln Auf und nieder. Silbermatt ihre Wellensänge Gleiten durch die erznen Spiegel, Das Metall schwingt mit den Düften, Und sie wiegen dich im Lächeln Ätherblau auf ihrem Silber.

O, ich liebe dich mein Knabe, Und mein Blut will mit dir bleichen, Und in einer blauen Welle mit dir schwingen.

8

Grüner glühn die Phosphorklippen, Und die erznen Seen spannen Heißer, blanker ihre Spiegel.

Tief bin ich in dich geschmolzen, Weich in einer blauen Flamme Tönen wir im bleichen Silber.

Ringsum zucken aus dem Spiegel Kalt die weißen Seedakelche. Blendend bleichen ihre Düfte Unseres Atems tiefste letzte rote Welle.

Wir erstarren schweigend glühend, Weiß im weißen erznen Spiegel.

Schwindender Mond

9

Bleich von Phosphor grünt die Stille. Hochauf jagen starr eisfahl die Wände. Schwarz am weißen Kluftrand brennt die Äthernacht.

Kupferfeurig einer roten Scheibe Bogen Schwillt am weißen Schachtsaum, Und die wilde Röte leckt Murmelnd an dem blassen Eis.

Auf der höchsten blanken Klippenstufe Zittert irisviolett eine dünne Tojablüte. Weiße Fühler aus den rosigen Schuppen Züngeln, tasten schlank gereckt Nach der Glut der roten Scheibe.

10

Sieh, mein Liebling, unsere blaue Flamme Blüht mattdünn, gespalten in zwei schwachen Blättern. Feuerkeime sinken von der roten Scheibe. Jener rote Bogen in dem schwarzen Äther Ist die Erde.

11

Schon zur Hälfte überflutet Schweres Rot den schwarzen Mund des Schachtes. Schwarze Ströme rollen nieder. Dunkel welkt die grüne Stille, Und der weiße See erlischt aschendüster.

Stumpf wälzt der trübe Spiegel Grau zerwühlt mein Silberbild.

12

Tief in grauerloschnen Gründen Kochen wetterfahl die erznen Seen. Eisenwellen sträuben schwarzen Schaum. Mit den blauen Schatten wandeln wir, Bleich in bleichem Kreise um die dunklen Ufer.

Alle, die einst lächelnd vor dem eignen Bilde knieten, Seufzen einsam. Rot in heiserm Scharlachschrei Schwillt die Feuerscheibe lauter. Rot in Tropfen zünden sich Pupillen. Und die Schatten recken sich gerötet. Hoch aus schwarzem Äther Rollt die Feuerblüte näher.

13

Schwarze Kohlenäste sprießen, Sprühen Asche auf das bleiche Eiland.

Ätherrauch erstickt das helle Eis. Ferner rinnt das Singen welker Blüten.

Du mein dunkles Bild, grau versengt, Müde löschen deine Augen, Müde glimmst du in dem welken Licht.

Rot aus meinem Blute brechen Feuerflügel, greifen nach den roten nahen Ufern.

14

Sacht ein letzter weißer Klang Schwingt in schmalem, dünnem Bogen Über lavadunklen Bergen Und Verklingt.

Schmal in grauem Schweigen Zieht auf dünnen Nebeladern Blass ein Schatten in die Schatten.

Toter Mond

15

Schwer die eisendunkeln Pappeln rauschen. Schwül, ein heißdunkler Violenkelch, Flammt der schwarze Himmel.

Ohne Echo starrt die Nacht. Ohne Echo pocht mein Herz.

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Illustration zu Blanke Nächte

Interpretation

Das Gedicht "Blanke Nächte" von Max Dauthendey ist eine poetische Reise durch die verschiedenen Mondphasen, die den emotionalen und psychologischen Zustand des lyrischen Ichs widerspiegelt. Der Dichter verwendet dabei eine reiche und farbenfrohe Bildsprache, um die Atmosphäre und die Stimmung jeder Phase zu beschreiben. Von der "werdenden" bis zur "toten" Mondphase durchläuft das Gedicht eine emotionale Entwicklung, die von Hoffnung und Sehnsucht bis hin zu Verzweiflung und Leere reicht. In den ersten Strophen, die den zunehmenden Mond beschreiben, ist die Stimmung noch voller Erwartung und Sehnsucht. Die Natur wird in kühlen, blauen und silbernen Tönen beschrieben, was eine mystische und fast traumhafte Atmosphäre schafft. Das lyrische Ich sehnt sich nach einer Verbindung, die sich in den Bildern von Spiegeln und Reflexionen manifestiert. Der Vollmond bringt dann eine intensive, fast ekstatische Erfahrung, in der das Ich sich vollständig mit dem Geliebten oder dem Objekt der Begierde zu verschmelzen scheint. Doch mit dem schwindenden Mond wandelt sich die Stimmung ins Melancholische und Schmerzliche. Die Bilder werden düsterer und die Farben verblassen. Das lyrische Ich erlebt eine Art Verlust oder Enttäuschung, symbolisiert durch das Erlöschen der Spiegel und das Verblassen der Farben. Am Ende, mit dem "toten" Mond, erreicht das Gedicht einen Zustand der Leere und Verzweiflung, in dem selbst das Echo des Herzens verstummt ist. Das Gedicht endet in einer tiefen, fast erdrückenden Stille, die die totale emotionale Erschöpfung des lyrischen Ichs widerspiegelt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Hoch am schneeigen Schachtrand Rauschen weiß die Schwanenbäume.
Metapher
Ohne Echo pocht mein Herz.
Personifikation
An den Stämmen rinnen weiße Säfte.