Bey Ansehung der Sternen
1694O Ihr Sterne / O ihr Strahlen die ihr an dem Himmel leucht wann die Sonne von uns weicht! wie beliebt ihr mir vor allen! es ist meiner Augen Liecht schnurstracks gegen euch gericht.
Euer Blitzen / euer Glitzen eure Hochheit liebt mir wol: daß mein Geist verlangens voll wünschet neben euch zu sitzen. Daß ich nicht mehr Irdisch wär nicht aus Hoffart / ichs begehr.
Ihr vollzieht des Höchsten heissen in gehorsams höchstem Grad: bleibt in seiner Ordnung Pfad mit dem Einfluß / Lauff / und gleissen. eures Thun und Lassens Ziel ist / vollbringen was GOtt will.
Könt solch heiliges Beginnen auch in mir ereigen sich! daß ich würkte stätiglich wie ihr auf den Himmels Zinnen was mein GOtt erheischt von mir: wolt ich mich noch dulden hier.
Nur die Ketten / nur die Bande nur der Sünden-Strick beschwer machen wünschen / daß ich wär Engel-rein in GOttes Hande ganz befreyt der Eitelkeit: nicht das Elend dieser Zeit.
Zagen / ist bey feigen Herzen; nur die Kleinmuht wünscht den Tod: Dapfferkeit kan alle Noht tragen / sonder Klag und Schmerzen, Nur / der Sünden Todt zu sehn wünsch′ ich in den Tod zu gehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Bey Ansehung der Sternen" von Catharina Regina von Greiffenberg ist eine tiefgründige Reflexion über die Schönheit und die Ordnung des Himmels sowie den Wunsch des lyrischen Ichs, sich diesem Ideal anzunähern. Die Sterne werden als strahlende und gehorsame Geschöpfe beschrieben, die im Einklang mit dem göttlichen Willen stehen. Das lyrische Ich fühlt sich von ihrer Reinheit und Vollkommenheit angezogen und sehnt sich danach, ebenfalls in dieser Ordnung zu wirken. Die zweite Strophe verdeutlicht den inneren Konflikt des lyrischen Ichs. Es wird von den Ketten der Sünde und der Eitelkeit belastet, die es daran hindern, engelgleich und rein in Gottes Hand zu sein. Der Wunsch nach dem Tod ist nicht aus Verzweiflung oder Feigheit geboren, sondern aus dem tiefen Verlangen, von den Lasten der Sünde befreit zu werden und in die göttliche Ordnung einzugehen. Die letzte Strophe betont die Tapferkeit, die nötig ist, um die Prüfungen des Lebens zu ertragen. Das lyrische Ich wünscht sich den Tod nicht aus Schwäche, sondern um den Tod der Sünde zu sehen und somit in die ewige Ordnung Gottes eingehen zu können. Das Gedicht ist eine eindringliche Darstellung des menschlichen Strebens nach geistiger Reinheit und der Sehnsucht nach der vollkommenen Harmonie mit dem Göttlichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- O Ihr Sterne / O ihr Strahlen
- Hyperbel
- daß mein Geist verlangens voll
- Kontrast
- Zagen / ist bey feigen Herzen; / Nur die Kleinmuht wünscht den Tod
- Metapher
- der Sünden Todt
- Personifikation
- Euer Blitzen / euer Glitzen
- Vergleich
- wann die Sonne von uns weicht