Bettlerballade

Conrad Ferdinand Meyer

1825

Prinz Bertarit bewirtet Veronas Bettlerschaft Mit Weizenbrot und Kuchen und edlem Traubensaft. Gebeten ist ein jeder, der sich mit Lumpen deckt, Der, heischend auf den Brücken der Etsch, die Rechte reckt.

Auf edlen Marmorsesseln im Saale thronen sie, Durch Riss und Löcher gucken Ellbogen, Zeh und Knie. Nicht nach Geburt und Würden, sie sitzen grell gemischt, Jetzt werden noch die Hasen und Hühner aufgetischt.

Der tastet nach dem Becher. Er durstet und ist blind. Den Krüppel ohne Arme bedient ein frommes Kind. Ein reizend stumpfes Näschen guckt unter struppgem Schopf. Mit wildem Mosesbarte prahlt ein Charakterkopf.

Die Herzen sind gesättigt. Beginne, Musica! Ein Dudelsack, ein Hackbrett und Geig und Harf ist da. Der Prinz, noch schier ein Knabe, wie Gottes Engel schön, Erhebt den vollen Becher und singt durch das Getön:

“Mit frisch gepflückten Rosen bekrön ich mir das Haupt Des Reiches ehrne Krone hat mir der Ohm geraubt. Er liess mir Tag und Sonne! Mein übrig Gut ist klein! So will ich mit den Armen als Armer fröhlich sein!”

Ein Bettler stürzt ins Zimmer. “Grumell, wo kommst du her?” Der Schreckensbleiche stammelt: “Ich lauscht′ von ungefähr, Gebettet an der Hofburg … Dein Ohm schickt Mörder aus, Nimm meinen braunen Mantel!” Erzschritt umdröhnt das Haus.

“Drück in die Stirn den Hut dir! Er schattet tief! Geschwind! Da hast du meinen Stecken! Entspring, geliebtes Kind! " Die Mörder nahen klirrend. Ein Bettler schleicht davon. “Wer bist du? Zeig das Antlitz!” Gehobne Dolche drohn.

“Lass ihn! Es ist Grumello! Ich kenn das Loch im Hut! Ich kenn den Riss im Ärmel! Wir opfern edler Blut!” Sie spähen durch die Hallen und suchen Bertarit, Der unter dunkelm Mantel dem dunkeln Tod entflieht.

Er fuhr in fremde Länder und ward darob zum Mann. Er kehrte heim gepanzert. Den Ohm erschlug er dann. Verona nahm er stürmend in rotem Feuerschein. Am Abend lud der König Veronas Bettler ein.

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Illustration zu Bettlerballade

Interpretation

Das Gedicht "Bettlerballade" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die Geschichte des Prinzen Bertarit, der die Bettler seiner Stadt zu einem prächtigen Festmahl einlädt. In einer Geste der Solidarität und Demut teilt er seinen Reichtum mit den Armen und zeigt sich als einfühlsamer Herrscher. Doch die idyllische Szene wird jäh unterbrochen, als ein Bettler den Prinzen vor einem Attentat warnt, das sein Onkel geplant hat. Bertarit ergreift die Flucht, verkleidet als Bettler, und entkommt seinen Mördern nur knapp. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit von Macht und Reichtum sowie die Bedeutung von Mitgefühl und Solidarität. Bertarit, der als junger Prinz noch naiv und unbedarft erscheint, reift durch die Erfahrung des Verrats und der Flucht zu einem starken Mann heran. Jahre später kehrt er als König zurück, stürzt seinen Onkel und erobert seine Heimatstadt Verona zurück. Das Festmahl für die Bettler am Ende des Gedichts symbolisiert Bertarits anhaltende Verbundenheit mit den Armen und seine Erkenntnis, dass wahre Größe in Demut und Mitgefühl liegt. Meyer verwendet in diesem Gedicht eine lebendige und bildhafte Sprache, die die Szenen anschaulich werden lässt. Die Beschreibung der Bettler mit ihren "Riss und Löchern" und "struppgem Schopf" schafft ein realistisches Bild der Armut. Die Balladenform mit ihrem schnellen Erzählrhythmus und den dramatischen Wendungen trägt zur Spannung der Geschichte bei. Durch die Verbindung von historischem Hintergrund und fiktiver Erzählung schafft Meyer ein zeitloses Werk, das auch heute noch zum Nachdenken über soziale Gerechtigkeit und die Verantwortung der Mächtigen anregt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Der tastet nach dem Becher
Bildsprache
Verona nahm er stürmend in rotem Feuerschein
Hyperbel
Wie Gottes Engel schön
Ironie
So will ich mit den Armen Als Armer fröhlich sein!
Metapher
Auf edlen Marmorsesseln im Saale thronen sie
Personifikation
Mit frisch gepflückten Rosen bekrön ich mir das Haupt
Symbolik
Mit wildem Mosesbarte prahlt ein Charakterkopf