Besuch in Urach

Eduard Mörike

1827

Nur fast so wie im Traum ist mir’s geschehen, Daß ich in dies geliebte Tal verirrt. Kein Wunder ist, was meine Augen sehen, Doch schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt, Aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen Vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt; Die Wahrheit selber wird hier zum Gedichte, Mein eigen Bild ein fremd und hold Gesichte!

Da seid ihr alle wieder aufgerichtet, Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle! Auf Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet Und Schatten mischt mit balsamreicher Schwüle. Kennt ihr mich noch, der sonst hieher geflüchtet, Im Moose, bei süß-schläferndem Gefühle, Der Mücke Sumsen hier ein Ohr geliehen, Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?

Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge, Die mich in liebliche Betrachtung fängt; Kein Mäuerchen, kein Holz ist so geringe, Daß nicht mein Blick voll Wehmut an ihm hängt: Ein jedes spricht mir halbvergeßne Dinge; Ich fühle, wie von Schmerz und Lust gedrängt Die Träne stockt, indes ich ohne Weile, Unschlüssig, satt und durstig, weitereile.

Hinweg! und leite mich, du Schar von Quellen, Die ihr durchspielt der Matten grünes Gold! Zeigt mir die urbemoosten Wasserzellen, Aus denen euer ewigs Leben rollt, Im kühnsten Walde die verwachsnen Schwellen, Wo eurer Mutter Kraft im Berge grollt, Bis sie im breiten Schwung an Felsenwänden Herabstürzt, euch im Tale zu versenden.

O hier ist’s, wo Natur den Schleier reißt! Sie bricht einmal ihr übermenschlich Schweigen; Laut mit sich selber redend will ihr Geist, Sich selbst vernehmend, sich ihm selber zeigen. - Doch ach, sie bleibt, mehr als der Mensch, verwaist, Darf nicht aus ihrem eignen Rätsel steigen! Dir biet ich denn, begier’ge Wassersäule, Die nackte Brust, ach, ob sie dir sich teile!

Vergebens! und dein kühles Element Tropft an mir ab, im Grase zu versinken. Was ist’s, das deine Seele von mir trennt? Sie flieht, und möcht ich auch in dir ertrinken! Dich kränkt’s nicht, wie mein Herz um dich entbrennt, Küssest im Sturz nur diese schroffen Zinken; Du bleibest, was du warst seit Tag und Jahren, Ohn ein’gen Schmerz der Zeiten zu erfahren.

Hinweg aus diesem üppgen Schattengrund Voll großer Pracht, die drückend mich erschüttert! Bald grüßt beruhigt mein verstummter Mund Den schlichten Winkel, wo sonst halb verwittert Die kleine Bank und wo das Hüttchen stund; Erinnrung reicht mit Lächeln die verbittert Bis zur Betäubung süßen Zauberschalen; So trink ich gierig die entzückten Qualen.

Hier schlang sich tausendmal ein junger Arm Um meinen Hals mit inn’gem Wohlgefallen. O säh ich mich, als Knaben sonder Harm, Wie einst, mit Necken durch die Haine wallen! Ihr Hügel, von der alten Sonne warm, Erscheint mir denn auf keinem von euch allen Mein Ebenbild, in jugendlicher Frische Hervorgesprungen aus dem Waldgebüsche?

O komm, enthülle dich! dann sollst du mir Mit Freundlichkeit ins dunkle Auge schauen! Noch immer, guter Knabe, gleich ich dir, Uns beiden wird nicht voreinander grauen! So komm und laß mich unaufhaltsam hier Mich deinem reinen Busen anvertrauen! - Umsonst, daß ich die Arme nach dir strecke, Den Boden, wo du gingst, mit Küssen decke!

Hier will ich denn laut schluchzend liegen bleiben, Fühllos, und alles habe seinen Lauf! - Mein Finger, matt, ins Gras beginnt zu schreiben: Hin ist die Lust! hab alles seinen Lauf! Da, plötzlich, hör ich’s durch die Lüfte treiben, Und ein entfernter Donner schreckt mich auf; Elastisch angespannt mein ganzes Wesen Ist von Gewitterluft wie neu genesen.

Sieh! wie die Wolken finstre Ballen schließen Um den ehrwürdgen Trotz der Burgruine! Von weitem schon hört man den alten Riesen, Stumm harrt das Tal mit ungewisser Miene, Der Kuckuck nur ruft sein einförmig Grüßen Versteckt aus unerforschter Wildnis Grüne - Jetzt kracht die Wölbung, und verhallet lange, Das wundervolle Schauspiel ist im Gange!

Ja nun, indes mit hoher Feuerhelle Der Blitz die Stirn und Wange mir verklärt, Ruf ich den lauten Segen in die grelle Musik des Donners, die mein Wort bewährt: O Tal! du meines Lebens andre Schwelle! Du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd! Du meiner Liebe Wundernest! ich scheide, Leb wohl! - und sei dein Engel mein Geleite!

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Illustration zu Besuch in Urach

Interpretation

Das Gedicht "Besuch in Urach" von Eduard Mörike ist eine lyrische Reflexion über die Vergänglichkeit der Zeit und die Sehnsucht nach der verlorenen Jugend. Der Sprecher kehrt in ein geliebtes Tal zurück, das voller Erinnerungen steckt. Die Natur erscheint ihm wie ein Spiegel vergangener Zeiten, die ihn verwirren und zugleich berühren. Die Landschaft wird zu einem Gedicht, in dem sich die Wirklichkeit in Poesie verwandelt. Der Sprecher sucht nach vertrauten Gesichtern und Orten, findet aber nur noch Spuren seiner selbst. Die Begegnung mit der Natur ist von einer tiefen emotionalen Intensität geprägt. Die Landschaft wird zum lebendigen Wesen, das den Sprecher in seinen Bann zieht. Doch die Natur bleibt unergründlich und distanziert. Die Versuche des Sprechers, eine Verbindung herzustellen, scheitern. Die Tränen, die er vergießt, sind ein Ausdruck seiner Sehnsucht und seiner Hilflosigkeit. Er fühlt sich von der Pracht der Natur überwältigt und sucht Zuflucht in einfacheren, vertrauteren Ecken des Tals. Die Erinnerungen an die Jugend und die verlorenen Freunde lasten schwer auf dem Sprecher. Er sehnt sich danach, sich mit seinem jüngeren Ich zu vereinen und die Unschuld und Freude der Kindheit wiederzufinden. Doch diese Sehnsucht bleibt unerfüllt. Der Sprecher ist allein mit seiner Trauer und seinem Schmerz. Ein plötzlicher Gewittersturm reißt ihn aus seiner Melancholie. Die Natur zeigt sich nun in ihrer ganzen Macht und Schönheit. Der Sprecher fühlt sich erneuert und erhoben. Er verabschiedet sich von dem Tal, das ihm so viel bedeutet hat, und wünscht sich den Schutz eines Engels für seinen weiteren Lebensweg.

Schlüsselwörter

tal kein selber boden kennt sonst voll schmerz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wundervolle Schauspiel ist im Gange
Hyperbel
Ein jedes spricht mir halbvergeßne Dinge
Metapher
Du meiner Liebe Wundernest
Personifikation
Du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd