Bestimmung

Maria Janitschek

1859

Ein Felsen starrt zum Himmel wild und nackt, zerfurcht, zerrissen, fahl, wie schartig Eisen, an dem der Sommer sich verbluten muß.

Kaum daß in seinen schmalen Ritzen sich der Schnee anklammern kann mit steifem Trotz, der weiße, kalte, stille, tote Schnee, das Leichentuch, das herb die Ewigkeit um ihres stummen Sohnes Leib geschlungen.

O diese Ewigkeit mit ihrem Zwang ins Große, ins Empfindungslose, Starre, darin in purpurnem Geheimnisdunkel die Gottheit brütet!

Reglos stand der Wächter der Erde da und sah in grimmen Schweigen die eigne kalte Unvergänglichkeit indes zu seinen Füßen bunt die Zeit in holdem Wechselspiele froh dahinzog. Er sah das kleine Blühn des Lenzes, alle die goldnen Schmetterlinge, Menschen, Blumen, die ihres Mais sich freuten, sah die Quellen, die munter sprangen; und in seine Stille drang jubelnder Gesang der Wälder, drang des Meeres majestätischer Choral, der Winde leises Kichern … Und der alte ergraute Sohn der dunklen Zwingerin, der finstern Ewigkeit, erglühte heiß vor Sehnsucht nach dem bunten Blumenleben, vor Sehnsucht nach des Lenzes weicher Thorheit, den goldnen Vögeln, der Musik, den Menschen, den schönen, lichten Menschen. »Kommt zu mir!« verkündete die rosenrote Glorie, die von der Sonne er sich lieh, zu locken die Warmersehnten. Doch kein Einziger vermochte auf zu ihm. Er war zu hoch zu unerreichbar für die Menschenkinder.

»So will ich denn mich unter eure Fersen hinbreiten, daß ihr wandelnd euern Fuß auf meinen Nacken setzt«.

Und donnernd, daß die Erde bebte, stürzte er zusammen …

Da aber fuhr im Wirbelsturm herbei Jehova, und er blies mit zornigen Nüstern in dieses Phönix Asche.

Himmelan erheben Wolken aufgescheuchten Schuttes sich brausend, daß die Sonne sich verfinstert, und hinter ihnen treibt mit Flammenruten der eifersüchtige Gott.

»Fort aus dem Thal, hinauf, hinauf!« Auf gelben weiten Flügeln hinrasen die Atome des Gestürzten den Sternen wieder zu …

»O Mai! du sanfter, glückseliger Mai dort unten!« …

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Bestimmung

Interpretation

Das Gedicht "Bestimmung" von Maria Janitschek schildert die Sehnsucht eines steilen, kahlen Felsens nach dem bunten, lebendigen Leben, das sich zu seinen Füßen abspielt. Der Felsen, ein Symbol für die kalte, unvergängliche Ewigkeit, steht reglos und starr da, während die Zeit in ihrem wechselvollen Spiel vorüberzieht. Er sieht den Frühling mit seinen Blumen und Schmetterlingen, hört den Gesang der Wälder und das Rauschen des Meeres, und in ihm erwacht eine tiefe Sehnsucht nach diesem bunten, warmen Leben. Getrieben von dieser Sehnsucht beschließt der Felsen, sich unter die Füße der Menschen zu begeben, um wenigstens in ihrer Nähe sein zu können. In einem gewaltigen Donner stürzt er zusammen und wird zu Asche. Jehova, der eifersüchtige Gott, weht mit seinem Zorn in die Asche des gefallenen Felsens. Die Atome des Gestürzten erheben sich in einer gewaltigen Wolke und treiben mit Flammenruten den Sternen wieder entgegen, zurück in die kalte, stille Ewigkeit. Das Gedicht endet mit einem sehnsüchtigen Ausruf des Felsens, der nun wieder in der Ewigkeit weilt: "O Mai! du sanfter, glückseliger Mai dort unten!" Damit drückt der Felsen seine ungebrochene Sehnsucht nach dem warmen, bunten Leben aus, das er auf der Erde gesehen hat. Er ist gefangen in der Unvergänglichkeit und Kälte der Ewigkeit, während die Zeit mit ihrem bunten Spiel an ihm vorüberzieht.

Schlüsselwörter

ewigkeit sah menschen schnee kalte stille erde lenzes

Wortwolke

Wortwolke zu Bestimmung

Stilmittel

Metapher
der eifersüchtige Gott
Personifikation
die Atome des Gestürzten den Sternen wieder zu