Beständige Erinnerung des Todes
1769Was sorgst du ängstlich für dein Leben? Es Gott gelassen übergeben, Ist wahre Ruh und deine Pflicht. Du sollst es lieben, weislich nützen, Es dankbar, als ein Glück, besitzen, Verlieren, als verlörst du′s nicht.
Der Tod soll dich nicht traurig schrecken: Doch dich zur Weisheit zu erwecken, Soll er dir stets vor Augen sein. Er soll den Wunsch zu leben mindern, Doch dich in deiner Pflicht nicht hindern, Vielmehr dir Kraft dazu verleihn.
Ermattest du in deinen Pflichten: So laß den Tod dich unterrichten, Wie wenig deiner Tage sind. Sprich: Sollt ich Gutes wohl verschieben? Nein, meine Zeit, es auszuüben, Ist kurz, und sie verfliegt geschwind.
Denk an den Tod, wenn böse Triebe, Wenn Lust der Welt und ihre Liebe Dich reizen; und ersticke sie. Sprich: Kann ich nicht noch heute sterben? Und könnt ich auch die Welt erwerben, Beging ich doch solch Übel nie.
Denk an den Tod, wenn Ruhm und Ehren, Wenn deine Schätze sich vermehren, Daß du sie nicht zu heftig liebst. Denk an die Eitelkeit der Erden, Daß, wenn sie dir entrissen werden, Du dann dich nicht zu sehr betrübst.
Denk an den Tod bei frohen Tagen. Kann deine Lust sein Bild vertragen: So ist sie gut und unschuldsvoll. Sprich, dein Vergnügen zu versüßen: Welch Glück werd ich erst dort genießen, Wo ich unendlich leben soll!
Denk an den Tod, wenn deinem Leben Das fehlt, wonach die Reichen streben; Sprich: Bin ich hier, um reich zu sein? Heil mir! wenn ich in Christo sterbe, Dann ist ein unbeflecktes Erbe, Dann ist der Himmel Reichtum mein.
Denk an den Tod, wenn Leiden kommen; Sprich: Alle Trübsal eines Frommen Ist zeitlich, und im Glauben leicht. Ich leide; doch von allem Bösen Wird mich der Tod bald, bald erlösen; Er ist′s, der mir die Krone reicht.
Denk an den Tod, wenn freche Rotten Des Glaubens und der Tugend spotten, Und Laster stolz ihr Haupt erhöhn. Sprich bei dir selbst: Gott trägt die Frechen; Doch endlich kömmt er, sich zu rächen, Und plötzlich werden sie vergehn.
Denk an den Tod zur Zeit der Schrecken, Wenn Pfeile Gottes in dir stecken; Du rufst, und er antwortet nicht. Sprich: Sollte Gott mich ewig hassen? Er wird mich sterbend nicht verlassen; Dann zeigt er mir sein Angesicht.
So suche dir in allen Fällen Den Tod oft, lebhaft, vorzustellen; So wirst du ihn nicht zitternd scheun; So wird er dir ein Trost in Klagen, Ein weiser Freund in guten Tagen, Ein Schild in der Versuchung sein.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Beständige Erinnerung des Todes" von Christian Fürchtegott Gellert ist ein tiefgründiges Werk, das die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes thematisiert. Gellert ermutigt den Leser, sich stets des Todes bewusst zu sein, um ein bewussteres und tugendhafteres Leben zu führen. Das Gedicht ist in mehrere Abschnitte unterteilt, die jeweils verschiedene Lebenssituationen behandeln und den Leser dazu anregen, den Tod als ständigen Begleiter zu betrachten. Gellert beginnt damit, die Sorgen um das eigene Leben zu relativieren und betont, dass es Gott anvertraut werden soll. Er fordert auf, das Leben zu lieben, weise zu nutzen und dankbar zu sein, aber auch bereit zu sein, es zu verlieren. Der Tod soll nicht als etwas Schreckliches angesehen werden, sondern als ein Mittel zur Weisheit und als Kraftquelle in der Erfüllung der Pflichten. Im weiteren Verlauf des Gedichts geht Gellert auf verschiedene Lebenssituationen ein, in denen der Gedanke an den Tod hilfreich sein kann. Er rät, an den Tod zu denken, wenn böse Triebe oder die Lust der Welt einen verführen wollen, um diese Versuchungen zu überwinden. Ebenso soll der Tod in Momenten des Erfolgs und des Wohlstands im Gedächtnis bleiben, um nicht zu sehr an materiellen Dingen zu hängen. In Zeiten der Freude und des Glücks soll der Tod daran erinnern, dass das ewige Leben noch größeres Glück bereithält. Gellert betont auch die Bedeutung des Todes in Zeiten der Not und des Leidens. Er ermutigt dazu, in schwierigen Zeiten an den Tod zu denken, da alle Trübsal eines Frommen zeitlich ist und der Tod Erlösung und die Krone des ewigen Lebens bringen wird. Das Gedicht schließt mit der Aufforderung, sich den Tod in allen Lebenslagen vor Augen zu führen, um ihn nicht zu fürchten, sondern als Trost, Freund und Schild zu erleben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Denk an den Tod, wenn böse Triebe, Wenn Lust der Welt und ihre Liebe Dich reizen; und ersticke sie.
- Antithese
- Du sollst es lieben, weislich nützen, Es dankbar, als ein Glück, besitzen, Verlieren, als verlörst du′s nicht.
- Apostrophe
- Der Tod soll dich nicht traurig schrecken:
- Bildsprache
- Ermattest du in deinen Pflichten: So laß den Tod dich unterrichten, Wie wenig deiner Tage sind.
- Chiasmus
- Er soll den Wunsch zu leben mindern, Doch dich in deiner Pflicht nicht hindern, Vielmehr dir Kraft dazu verleihn.
- Enjambement
- Es Gott gelassen übergeben, Ist wahre Ruh und deine Pflicht.
- Hyperbel
- Und könnt ich auch die Welt erwerben, Beging ich doch solch Übel nie.
- Metapher
- Denk an den Tod zur Zeit der Schrecken, Wenn Pfeile Gottes in dir stecken;
- Personifikation
- Der Tod soll dich nicht traurig schrecken:
- Rhetorische Frage
- Sprich: Sollte Gott mich ewig hassen?
- Symbol
- Denk an den Tod bei frohen Tagen.
- Vergleich
- Kann deine Lust sein Bild vertragen:
- Wechselrede
- Sprich: Sollt ich Gutes wohl verschieben? Nein, meine Zeit, es auszuüben, Ist kurz, und sie verfliegt geschwind.