Beschluß Elegie.

Martin Opitz

1624

Das blinde Liebeswerck / die süsse Gifft der Sinnen / Vnd rechte Zauberey hat letzlich hier ein End′: Es wird das lose Kind so mich verführen können / Gott lob / jetzt gantz vnd gar von mir hinweg gewendt. Nun suche wo du wilt dir anderwerts Poeten; Hier / Venus / hab′ ich mir gesteckt mein eignes Ziel; Es ist mir deine Gunst jetzt weiter nicht von nöthen; Ich haß′ all′ Eitelkeit; es liebe wer da wil. Was meine schwache Hand vor dieser Zeit geschrieben / Durch deinen Geist geführt / das ist der Jugend schuld; Ich werde weiter nicht von solcher Lust getrieben; Was dir gehässig ist zu diesem trag′ ich huld. Wann Vrtheil vnd Verstand bey mir zu rathe sitzen / So hattest du mir zwar bethört den jungen Sinn: Jetzt seh′ ich daß dein Sohn sey ohne wahn vnd Witzen / Du aber / Venus / selbst ein′ edle Kuplerinn. Dein Wesen ist ein Marckt da Leid wird feil getragen / Ein Winckel da verdruß vnd Wehmuth jnnen steht / Ein′ Herberg′ aller Noth / ein Siechhauß vieler Plagen / Ein Schiff der Pein / ein Meer da Tugend vntergeht. Wo soll die Schönheit seyn / wann alles wird vergehen / Die Lippen von Corall / diß Alabaster Bild / Die Augen so jhr seht gleich als zwo Sonnen stehen / Der rothe Rosenmund / der weissen Brüste Schild? Sie sollen / vnd wir auch als Asch′ vnd Staub entfliehen / Vnd allzugleiche gehn den Weg der Eitelkeit: Pracht / Hoffart / Gut vnd Geld / vmb das wir vns so mühen / Wird Wind vnd Flügel noch bekommen mit der Zeit. Ich laß′ es alles stehn: das Ende meiner Jugend / Vnd Frucht der Liebeslust beschließ′ ich gantz hierein: Ein Werck das höher ist / der Anfang meiner Tugend / Ob dieses gleich verdirbt / soll nimmer sterblich seyn.

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Illustration zu Beschluß Elegie.

Interpretation

Das Gedicht "Beschluß Elegie" von Martin Opitz reflektiert einen tiefgreifenden Wandel in der Lebens- und Liebesauffassung des lyrischen Ichs. Es markiert den Abschied von der leidenschaftlichen, sinnlichen Liebe und der damit verbundenen "Zauberei" der Jugend. Das lyrische Ich bekennt sich zu einem neuen Lebensweg, der Tugend und Vernunft über die vergängliche Schönheit und die "Eitelkeit" stellt. Dieser Übergang wird als Befreiung von der "süssen Gifft der Sinnen" und als Erkenntnis der Nutzlosigkeit der weltlichen Liebe dargestellt. Das Gedicht kritisiert die Liebe als einen Markt des Leids und einen Ort, an dem Leid, Verdruss und Wehmut herrschen. Venus, die Göttin der Liebe, wird als "edle Kuplerinn" bezeichnet, die ein "Marckt da Leid wird feil getragen" und ein "Siechhauß vieler Plagen" ist. Diese metaphorische Sprache verdeutlicht die negative Sicht auf die Liebe als Quelle des Leids und der Vergänglichkeit. Das lyrische Ich betont die Vergänglichkeit aller irdischen Schönheit und Güter, einschließlich der "Lippen von Corall", des "Alabaster Bilds" und des "rothen Rosenmunds". Es erkennt, dass alles, was es einst begehrte, letztendlich zu "Asche und Staub" zerfallen wird. Diese Erkenntnis führt zu einer radikalen Abkehr von der Liebe und einem Bekenntnis zur Tugend und Vernunft als höheren Werten. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass das Werk der Liebe zwar vergänglich sein mag, aber der Anfang der Tugend ewig währen wird.

Schlüsselwörter

vnd gantz venus weiter eitelkeit zeit jugend wann

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Pracht, Hoffart, Gut vnd Geld
Hyperbel
Die Augen so jhr seht gleich als zwo Sonnen stehen
Metapher
Ein Werck das höher ist / der Anfang meiner Tugend
Personifikation
Venus