Bescheidene Bitte

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Allem was da athmet, lebet, Amor wild Gewährung winkt; Was im Grund der Fluthen webet, Was des Lichtes Schimmer trinkt;

Und die Welt sie ist ein Himmel, Wo sich Sonn’ an Sonne schließt; Wo im leuchtenden Gewimmel Jeder Mensch ein König ist.

Ist ein Meer, das sel’ge Fluthen Unergründlich, endlos ziehn, Wo in Abendsonnengluthen Die berauschten Wogen glühn;

Und der Mensch taucht jauchzend nieder Und im freud’gen Uebermuth Hebt er und versenkt sich wieder, In den Grund der wonn’gen Fluth!

Ach, ich gönn’ ihm alle Schauer, Die sein trunkner Busen fühlt, Wenn die Lust ihm wie ein lauer Aether um die Seele spielt;

Gönn’ ein Meer dem sel’gen Zecher, Daß er trinke für und für, Aber Glück gieb Becher, Einen einzigen Becher mir!

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Illustration zu Bescheidene Bitte

Interpretation

Das Gedicht "Bescheidene Bitte" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt die Welt als einen Ort der Freude und des Überflusses, wo jeder Mensch ein König ist und die Liebe allgegenwärtig ist. Die Natur wird als ein Himmel dargestellt, in dem sich die Sonnen aneinander schließen und ein leuchtendes Gewimmel entsteht. Die Welt wird mit einem Meer verglichen, das selige Fluten unergründlich und endlos zieht, in dem die Menschen jauchzend baden und sich in der Glut der Abendsonne verlieren. Der Sprecher des Gedichts beobachtet diese Szene der ausgelassenen Freude und des Überflusses mit einem gewissen Neid und einer Sehnsucht nach dem eigenen Glück. Er gesteht dem anderen, dem "trunknen Busen", alle Schauer der Lust zu, die er in der Fülle der Welt erfährt. Doch dann stellt er eine bescheidene Bitte: Er möchte auch nur einen einzigen Becher Glück erhalten, um selbst an der Freude teilhaben zu können. Der Sprecher sehnt sich nach einem eigenen Anteil an dem Glück, das er in der Welt um sich herum wahrnimmt. Das Gedicht endet mit der Bitte um einen einzigen Becher Glück, was die Bescheidenheit des Sprechers unterstreicht. Er möchte nicht die ganze Fülle der Welt, sondern nur einen kleinen Teil davon, um selbst glücklich zu sein. Die letzte Zeile betont die Intensität dieses Wunsches und die tiefe Sehnsucht des Sprechers nach einem eigenen Glücksgefühl.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Wo im leuchtenden Gewimmel Jeder Mensch ein König ist
Metapher
Und die Welt sie ist ein Himmel, Wo sich Sonn' an Sonne schließt
Personifikation
Allem was da athmet, lebet, Amor wild Gewährung winkt
Symbolik
Aber Glück gieb Becher, Einen einzigen Becher mir
Vergleich
Wenn die Lust ihm wie ein lauer Aether um die Seele spielt