Berliner Schnitzel

Arno Holz

1886

Motto ( Programm )

Kein rückwärts schauender Prophet, Geblendet durch unfaßliche Idole, Modern sei der Poet, Modern vom Scheitel bis zur Sohle.

Verruchtes Epigonenthum, Egypter- und Teutonenthum, Daß dich der Teufel brate! Schon längst sind wir fascikelsatt, Grinst doch durch jedes Titelblatt Das Dante’sche “Lasciate”!

Ihr armen Dichter, die ihr “Philomele”, In jedem Lenze rythmisch angeschwärmt, O wenn ihr wüßtet, wie sich meine Seele Um ihre gottverlassnen Schwestern härmt! Dreht ihr auch noch so ernsthaft eure Phrase, Der Teufel setzt sie lustig in Musik, Denn eine ungeheuer lange Nase Hat seine Großmama, die Frau Kritik.

Nicht wahr, Du bist ein großes Thier? So sprich, was ist zum Dichten nütze? Eine Perryfeder, ein Stück Papier, Ein Tintenfaß und - ein Schädel voll Grütze!

Ihr schwatzt befrackt hoch vom Katheder Von alter und von neuer Kunst, Von Fleischgenuß und Sinnenbrunst, Und gerbt nur Leder, altes Leder. Ihr laßt um jede Attitüde Ein weißgewaschnes Hemdchen wehn; Denn um die Schönheit nackt zu sehn, Sind eure Seelen viel zu prüde.

Ja, unsre Zeit ist eine Dirne, Die sich als “Mistreß” producirt, Mit Simpelfranzen vor der Stirne Und schauderhaft decolletirt. Sie raubt uns alle Illusionen, Sie turnt Trapez und paukt Klavier - Und macht aus Fensterglas Kanonen Und Kronjuwelen aus Papier!

Urewig ist des großen Welterhalters Güte, Urewig wechselt Herbstblatfall und Frühlingsblüthe, Urewig rollt der Klangstrom lyrischer Gedichte: Ein jedes Herz hat seine eigne Weltgeschichte.

Ich bin ein Dichter und kein Papagei Und lieb es drum, in unsre Zeit zu schauen; Und doch mißfällt an ihr mir dreierlei, Und dieses Factum kann ich nicht verdauen. Die junge Dame weint sich nicht mehr “blind”, Die jungen Herrn sind meistens eitle Schöpfe, Und - “last not least” - die echten Thränen sind Noch seltner heute als die echten Möpse.

Die Simpeldichter hör ich ewig flennen, Sie tuten alle in dasselbe Horn Und nie packt sie der dreimal heil’ge Zorn, Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen.

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Illustration zu Berliner Schnitzel

Interpretation

Das Gedicht "Berliner Schnitzel" von Arno Holz ist eine kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Dichtung und Gesellschaft im Berlin des späten 19. Jahrhunderts. Holz prangert den Mangel an Originalität und die Verwässerung der poetischen Kunst durch epigonalen Nachahmungswahn an. Er fordert eine Modernisierung der Dichtung, die sich von den Fesseln der Tradition und des akademischen Formalismus befreit. Holz kritisiert die zeitgenössischen Dichter als "Simpeldichter", die aus Büchern schöpfen, anstatt aus eigenem Erleben und Empfinden. Er verurteilt die Heuchelei der Gesellschaft, die sich als "Mistreß" produziere, mit einer Fassade von Kultur und Bildung, aber ohne echte Tiefe und Substanz. Das Gedicht ist eine scharfe Satire auf die kulturellen und sozialen Missstände seiner Zeit, wobei Holz mit bissigem Humor und sprachlicher Virtuosität vorgeht. Holz betont die Notwendigkeit einer authentischen, modernen Dichtung, die den Puls der Zeit trifft und sich nicht in antiquierten Formen und Themen verliert. Er plädiert für eine Dichtung, die aus dem eigenen Herzen und Erleben schöpft, anstatt sich an überkommenen Vorbildern zu orientieren. Das Gedicht ist ein Manifest für eine neue, unkonventionelle Kunst, die sich den Herausforderungen und Widersprüchen der Moderne stellt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen
Personifikation
Geblendet durch unfaßliche Idole