Berliner Mittelstandsbegräbnis

Klabund

unknown

In einer Margarinekiste habe ich sie begraben. Ein Leihsarg war nicht mehr zu haben. Die Kosten für einen Begräbnisplatz könnt ich nicht erschwingen: Ich mußte die Margarinekiste mit der teueren Entschlafenen auf einem Handwagen in die Laubenkolonie am Schlesischen Bahnhof bringen.

Dort habe ich sie in stockfinsterer Nacht Unter Kohlrüben zur ewigen Ruhe gebracht. Aber im Frühling werden aus der Erde Kohlrüben, die sie mit ihrem Leibe gedüngt, zum himmlischen Lichte sprießen, Und der Hilfsweichensteller Kraschunke wird sie zum Nachtmahl genießen. Während sie noch in der Pfanne (in Margarine-Ersatz) schmoren und braten, Bemerkt Frau Kraschunke erfreut: »Die Kohlrüben sind dieses Jahr aber ungewöhnlich groß geraten…«

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Illustration zu Berliner Mittelstandsbegräbnis

Interpretation

Das Gedicht "Berliner Mittelstandsbegräbnis" von Klabund schildert eine tragische Szene, in der eine Verstorbene in einer Margarinekiste begraben wird, da sich die Angehörigen die üblichen Bestattungskosten nicht leisten können. Die Kälte und die Not der Zeit werden durch die Verwendung einer Leihsargkiste und den Transport mit einem Handwagen verdeutlicht. Die Szene spielt in einer Laubenkolonie am Schlesischen Bahnhof, einem Ort, der die soziale und wirtschaftliche Not der Figuren unterstreicht. Die Bestattung findet in stockfinsterer Nacht statt, was die Anonymität und die Scham der Angehörigen symbolisiert. Die Verstorbene wird unter Kohlrüben begraben, was eine ironische Wendung darstellt, da die Kohlrüben später von ihrem Körper gedüngt werden. Diese Verbindung zwischen Tod und Leben wird durch die Vorstellung verstärkt, dass die Kohlrüben im Frühling sprießen und von den Nachbarn, Herrn und Frau Kraschunke, zum Nachtmahl genossen werden. Die Ironie des Gedichts kulminiert in der letzten Zeile, in der Frau Kraschunke bemerkt, dass die Kohlrüben dieses Jahr ungewöhnlich groß geraten sind. Diese Bemerkung verdeutlicht die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Verstorbenen und die Fortsetzung des Lebens in seiner brutalen Alltäglichkeit. Das Gedicht kritisiert die sozialen Missstände und die Entmenschlichung, die in Zeiten der Not entstehen können, und zeigt auf, wie der Tod in den Alltag integriert wird.

Schlüsselwörter

kohlrüben margarinekiste habe kraschunke begraben leihsarg mehr kosten

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Stilmittel

Bildlichkeit
Ich mußte die Margarinekiste mit der teueren Entschlafenen auf einem Handwagen in die Laubenkolonie am Schlesischen Bahnhof bringen.
Ironie
Die Kosten für einen Begräbnisplatz könnt ich nicht erschwingen.
Metapher
In einer Margarinekiste habe ich sie begraben.
Personifikation
Dort habe ich sie in stockfinsterer Nacht Unter Kohlrüben zur ewigen Ruhe gebracht.
Sarkasmus
Während sie noch in der Pfanne (in Margarine-Ersatz) schmoren und braten, Bemerkt Frau Kraschunke erfreut: »Die Kohlrüben sind dieses Jahr aber ungewöhnlich groß geraten...«
Symbolik
Aber im Frühling werden aus der Erde Kohlrüben, die sie mit ihrem Leibe gedüngt, zum himmlischen Lichte sprießen.