Berliner in Italien

Klabund

1890

Die ganze Welt ist voll von Berlinern. Deutschland, Deutschland überall in der Welt. Ich sah sie auf der Promenade in Nervi sich gegenseitig bedienern, Und sie waren als Statisten beim Empfang des italienischen Königs in Mailand aufgestellt.

Da konnten sie einmal wieder aus vollem Herzen Hurra schreien. So ′n König, und sei er noch so klein, ist doch janz was anderes als so ′ne mickrige Republik. In Bellaggio wandeln sie unter Palmen und Zypressen zu zweien, Und aus dem Grandhotel tönt (fabelhaft echt italienisch; Pensionspreis täglich 200 Lire) die Jazzmusik.

Wie hübsch in Bologna die Jungens mit den schwarzen Mussolinihemden! Wie malerisch die Bettler am Kirchentor! Die und die Flöhe finden einen Fremden Aus hunderttausend Eingeborenen hervor.

In Genua am Hafen aus engen mit Wäsche verhangenen Gassen winken Schwarzäugige Mädchen und sind bereit, Gegen entsprechendes Honorar sich abzuschminken. O du fröhliche, o du selige Frühlingszeit.

Dagegen das Kolosseum, die ollen Klamotten, die verstaubten Geschichten, Das haben wir zu Hause auf halb bebautem Gelände auch, nu jewiß. Den schiefen Turm von Pisa sollten sie mal jrade richten. Mussolini hat dazu den nötigen Schmiß.

Über diesem Lande schweben egal weg die Musen, Man sehe sich die Brera und die Uffizien an. Die mageren Weiber von Botticelli kann ich nich verknusen, Aber Rubens, det is mein Mann.

Wohin man sieht, spuckt einer oder verrichtet sonst eine Notdurft: es ist ein echt volkstümliches Treiben. Prächtig dies Monomuent Vittorio Emmanueles in Rom: goldbronziert und die Säulenhalle aus weißem Gips. Dafür kann mir das ganze Forum jestohlen bleiben. Ich bin modern. A proposito: haben Sie für Karlshorst sichere Tips?

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Illustration zu Berliner in Italien

Interpretation

Das Gedicht "Berliner in Italien" von Klabund ist eine satirische Betrachtung der deutschen Touristen, insbesondere der Berliner, in Italien. Der Autor kritisiert die deutsche Kultur und den deutschen Einfluss in Italien, indem er die Deutschen als allgegenwärtig und oft lästig darstellt. Die Touristen werden als ungebildet und oberflächlich beschrieben, die mehr an ihrem Komfort und ihrem Vergnügen interessiert sind als an der italienischen Kultur und Geschichte. Klabund verwendet eine Vielzahl von Stereotypen und Klischees, um die Deutschen zu karikieren. So werden sie als laut und aufdringlich dargestellt, die ihre eigene Kultur über die italienische stellen. Der Autor macht sich auch über die deutschen Touristen lustig, die sich für die italienische Geschichte und Kultur nicht interessieren und stattdessen lieber in ihren Hotels und auf den Promenaden verweilen. Das Gedicht endet mit einem ironischen Kommentar über die moderne Welt, in der der Sprecher sich als "modern" bezeichnet und nach Tipps für Karlshorst fragt, ein Stadtteil von Berlin. Dies unterstreicht die Idee, dass die Deutschen in Italien ihre eigene Kultur mitbringen und sich nicht an die italienische Kultur anpassen wollen.

Schlüsselwörter

ganze welt deutschland echt kann voll berlinern überall

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Stilmittel

Alliteration
Schwarzäugige Mädchen
Anapher
Deutschland, Deutschland überall in der Welt.
Hyperbel
Und aus dem Grandhotel tönt (fabelhaft echt italienisch; Pensionspreis täglich 200 Lire) die Jazzmusik.
Ironie
Den schiefen Turm von Pisa sollten sie mal jrade richten. Mussolini hat dazu den nötigen Schmiß.
Kontrast
Dagegen das Kolosseum, die ollen Klamotten, die verstaubten Geschichten, Das haben wir zu Hause auf halb bebautem Gelände auch, nu jewiß.
Metapher
O du fröhliche, o du selige Frühlingszeit.
Personifikation
Über diesem Lande schweben egal weg die Musen.
Vergleich
So 'n König, und sei er noch so klein, ist doch janz was anderes als so 'ne mickrige Republik.