Berlin

Christian Morgenstern

1871

Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht, wenn deine Linien ineinander schwimmen, - zumal bei Nacht, wenn deine Fenster glimmen und Menschheit dein Gestein lebendig macht.

Was wüst am Tag, wird rätselvoll im Dunkel; wie Seelenburgen stehn sie mystisch da, die Häuserreihn, mit ihrem Lichtgefunkel; und Einheit ahnt, wer sonst nur Vielheit sah.

Der letzte Glanz erlischt in blinden Scheiben; in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt; gebändigt ruht ein ungestümes Treiben, und heilig wird, was so voll Schicksal träumt.

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Illustration zu Berlin

Interpretation

Das Gedicht "Berlin" von Christian Morgenstern ist eine Hommage an die Stadt Berlin, die der Dichter in verschiedenen Stimmungen und zu verschiedenen Tageszeiten liebt. Er beschreibt seine Zuneigung zur Stadt bei Nebel und Nacht, wenn die Linien der Gebäude ineinanderfließen und die Fenster leuchten, wodurch die Menschheit das Steinwerk zum Leben erweckt. In der Nacht verwandelt sich das, was tagsüber wild erscheint, in ein rätselhaftes und mystisches Schauspiel. Die Häuserzeilen stehen wie Seelenburgen da, erleuchtet von ihrem Lichtgefunkel. Der Betrachter, der tagsüber nur die Vielheit wahrnimmt, ahnt nun eine Einheit in der Stadt. Der letzte Glanz erlischt in den blinden Scheiben, und das Treiben der Stadt legt sich zur Ruhe. Die Stadt, die so voller Schicksal träumt, wird heilig und gebändigt. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verbundenheit und Bewunderung für die Stadt Berlin und ihre Fähigkeit, den Betrachter in ihren Bann zu ziehen und zu verzaubern.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
in seine Schachteln liegt ein Spiel geräumt
Personifikation
und heilig wird, was so voll Schicksal träumt