Berlin

Ferdinand Freiligrath

1849

Zum Völkerfest, auf das wir ziehn, Zu dem die Freiheit ladet, Wie wandelst herrlich du, Berlin! Berlin, in Blut gebadet! Du wandelst rußig und bestaubt Einher in deinen Wunden! Du wandelst hin, das bleiche Haupt Mit Bannertuch verbunden!

Mit Tuch, von dem du jene Nacht Geheiligt jeden Faden! Oh, erste deutsche Fahnenwacht Auf deutschen Barrikaden! Du rissest es aus langer Schmach Empor zu neuer Schöne! In einer Nacht, auf einen Schlag Rein wuschen’s deine Söhne!

So helfe dir nun Gott, Tyrann! Erstochen und erschossen! Und abwärts durch die Straßen rann Ihr Blut in allen Gossen! Arbeiterblut, Studentenblut- Wir knirschen mit den Zähnen, Und in die Augen treibt die Wut Uns seltne Männertränen!

Sie fochten dreizehn Stunden lang, Die Erde hat gezittert! Sie fochten ohne Sang und Klang, Sie fochten stumm erbittert! Da war kein Lied wie Ça ira - Nur Schrei und Ruf und Röcheln! Sie standen ernst und schweigend da, Im Blut bis zu den Knöcheln!

So schlaft denn wohl im kühlen Grund, Schlaft ewig unvergessen! Wir können euch den bleichen Mund, Die starre Hand nicht pressen! Wir können euch zu Ehr’ und Zier Mit Blumen nicht bewerfen - Doch können wir und wollen wir Die Schwerter für euch schärfen!

Denn einen Kampf, der so begann, Soll kein Ermatten schänden! Ihr strittet vor, ihr finget an: So laßt denn uns vollenden! Wir sind bereit, wir sind geschwind, Wir treten in die Lücken! Mit allen, die noch übrig sind, Die Klinge wolln wir zücken!

Denn heißen soll es nimmermehr: Für nichts sind sie gestorben! Für nichts, als was sie Tags vorher Ertrotzt schon und erworben! Denn keiner sage je und je: Sie waren brav im Schießen! Doch fehlt’ auch ihnen die Idee, Da sie sich metzeln ließen!

Drum sollen eure Leichen nicht Den Strom der Freiheit stauen; Den Strom, der seine Fesseln bricht In diesem Märzestauen! Drum sollen sie die Stufen sein, Die Stufen grün von Zweigen, Auf denen wir zum Dach hinein Der freien Zukunft steigen!

Was Manifest noch, was Bescheid! Was Bitten noch und Geben! Was Amnestie und Preßfreiheit - Tod gilt es oder Leben! Wir rücken an in kalter Ruh’, Wir beißen die Patrone, Wir sagen kurz: Wir oder du! Volk heißt es oder Krone!

Daß Deutschland stark und einig sei, Das ist auch unser Dürsten! Doch einig wird es nur, wenn frei, Und frei nur ohne Fürsten! O Volk, ein einz’ger Tag verstrich - Und schon von Vivats heiser? Erst gestern ließ Er schlachten dich - - Und heute deutscher Kaiser?!

Schmach! mit dem Blute wild verspritzt Bei jenem freud’gen Sterben, Mit dem jetzt möcht’ Er sich verschmitzt Den Kaiserpurpur färben! Allein, daß das unmöglich sei, Dafür noch stehn wir Wache, Dafür bleibt unser Feldgeschrei: Hie Republik und Rache!

Wir treten in die Reiseschuh’, Wir brechen auf schon heute! Nun, heil’ge Freiheit, tröste du Die Mütter und die Bräute! Nun tröste Weib, nun tröste Kind, Die Witwen und die Waisen - Wie derer, die gefallen sind, So unsre, will’s das Eisen!

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Illustration zu Berlin

Interpretation

Das Gedicht "Berlin" von Ferdinand Freiligrath ist eine leidenschaftliche Ode an die Revolution und die Freiheit. Es schildert die blutigen Straßenkämpfe in Berlin während der Märzrevolution von 1848 und ruft die Menschen zum weiteren Kampf auf. Freiligrath verwendet eindringliche Bilder und Metaphern, um die Emotionen und die Dramatik der Ereignisse einzufangen. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung des geschundenen, blutenden Berlins, das trotz seiner Wunden stolz und entschlossen in den Kampf zieht. Die Erwähnung der blutgetränkten Fahne und der Barrikaden verweist auf die blutige Niederschlagung des Aufstands durch die preußische Armee. Freiligrath betont die Opferbereitschaft der Arbeiter und Studenten, die ohne Hoffnung auf Erfolg kämpften. Im weiteren Verlauf beschwört Freiligrath den Geist der Revolution und ruft zum unerbittlichen Kampf gegen die Tyrannei auf. Er verurteilt die Idee einer konstitutionellen Monarchie als Verrat an den gefallenen Helden und fordert die Errichtung einer Republik. Die letzten Strophen sind eine flammende Anklage gegen die preußische Regierung und ein Aufruf zum bewaffneten Kampf. Freiligrath verspricht den Angehörigen der Gefallenen Trost und hofft auf den endgültigen Sieg der Freiheit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Sie fochten dreizehn Stunden lang
Metapher
Nun, heil’ge Freiheit, tröste du Die Mütter und die Bräute
Personifikation
Du wandelst herrlich du, Berlin! Berlin, in Blut gebadet
Symbolik
Hie Republik und Rache