Bergschloß

Johann Wolfgang von Goethe

1749

Da droben auf jenem Berge, Da steht ein altes Schloß, Wo hinter Toren und Türen Sonst lauerten Ritter und Roß.

Verbrannt sind Türen und Tore Und überall ist es so still; Das alte, verfallne Gemäuer Durchklettr′ ich, wie ich nur will.

Hierneben lag ein Keller, So voll von köstlichem Wein; Nun steiget nicht mehr mit Krügen Die Kellnerin heiter hinein.

Sie setzt den Gästen im Saale Nicht mehr die Becher umher, Sie füllt zum heiligen Mahle Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr.

Sie reicht dem lüsternen Knappen Nicht mehr auf dem Gange den Trank, Und nimmt für flüchtige Gabe Nicht mehr den flüchtigen Dank.

Denn alle Balken und Decken, Sie sind schon lange verbrannt, Und Trepp′ und Gang und Kapelle In Schutt und Trümmer verwandt.

Doch als mit Zither und Flasche Nach diesen felsigen Höh′n Ich an dem heitersten Tage Mein Liebchen steigen geseh′n,

Da drängte sich frohes Behagen Hervor aus verödeter Ruh′, Da ging′s wie in alten Tagen Recht feierlich wieder zu;

Als wären für stattliche Gäste Die weitesten Räume bereit, Als käm′ ein Pärchen gegangen Aus jener tüchtigen Zeit;

Als stünd′ in seiner Kapelle Der würdige Pfaffe schon da, Und fragte: “Wollt ihr einander?” Wir aber lächelten: “Ja!”

Und tief bewegten Gesänge Des Herzens innigsten Grund; Es zeugte statt der Menge Der Echo schallender Mund.

Und als sich gegen den Abend Im stillen alles verlor, Da blickte die glühende Sonne Zum schroffen Gipfel empor.

Und Knapp′ und Kellnerin glänzen Als Herren weit und breit; Sie nimmt sich zum Kredenzen Und er zum Danke sich Zeit.

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Illustration zu Bergschloß

Interpretation

Das Gedicht "Bergschloß" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die Ruinen eines einst stolzen Schlosses auf einem Berg. Der Sprecher erkundet das verfallene Gemäuer, das durch Feuer zerstört wurde. Er erinnert sich an die vergangene Zeit, als das Schloss noch bewohnt war und ein reges Treiben herrschte. Die Kellnerin brachte den Gästen Wein und bediente sie im Saal. Der Sprecher besucht das Schloss mit seiner Liebsten. Trotz der Verwüstung fühlt er sich dort wohl und feierlich. Es ist, als ob für ein adeliges Paar die prächtigsten Räume bereit stünden und ein würdiger Pfarrer sie trauen würde. Das Liebespaar singt innige Lieder, die vom Echo widerhallen. Am Abend, wenn alles still wird, blickt die untergehende Sonne zum felsigen Gipfel empor. Die ehemalige Kellnerin und der Knecht erscheinen als strahlende Herrscher. Sie nehmen sich Zeit zum Servieren und zum Danken. Das Schloss, einst ein Ort der Vergänglichkeit, wird für einen Moment durch die Liebe und die gemeinsame Erinnerung zu einem Ort der Beständigkeit und des Glücks.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Balken und Decken
Anapher
Sie setzt den Gästen im Saale / Nicht mehr die Becher umher, / Sie füllt zum heiligen Mahle / Dem Pfaffen das Fläschchen nicht mehr.
Bildsprache
Und tief bewegten Gesänge / Des Herzens innigsten Grund
Hyperbel
Es zeugte statt der Menge / Der Echo schallender Mund
Ironie
Und Knapp' und Kellnerin glänzen / Als Herren weit und breit; / Sie nimmt sich zum Kredenzen / Und er zum Danke sich Zeit.
Kontrast
Doch als mit Zither und Flasche / Nach diesen felsigen Höh'n / Ich an dem heitersten Tage / Mein Liebchen steigen geseh'n
Metapher
Die Kellnerin heiter hinein
Personifikation
Da drängte sich frohes Behagen / Hervor aus verödeter Ruh'
Symbolik
Zither und Flasche