Bergpsalm
1920Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen. In langen Windungen zischt Gras und Rohr und keucht der See ans Land; die silberblassen zerwühlten Weiden seufzen laut empor. Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen, auf kahler Höhe will ich einsam stehn und meine ferne Heimat dämmern sehn und hören, was die dunkeln Wolken brausen.
Ihr grauen Pilger über mir: wohin?! O könnt ich mit euch, ziellos, ohne Stocken, dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken! O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume, und aus dem Zauberwald der Kinderträume winkt klar der Mutter Blick und Kuß.
Was weinst du, Sturm? - Hinab, Erinnerungen! dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz! Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz! Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell; heut stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und gell, und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?
Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten dröhn dort überm Wald der Schlote und der Essen? Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn der Arbeit! fühl′s: sie ringt, von Schmutz zerfressen! Du hast mit deiner Sehnsucht bloß gebuhlt, in trüber Glut dich selber nur genossen; schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen, und du wirst frei vom Druck der Schuld!
Und blutig glüht es um die zackigen Türme, ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt, ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme, hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt. O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme, die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit: still quillt′s wie Heilandsblut durch diese Zeit, die Liebe quillt aus deinem Grimme!
Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt, das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert! Was lachst du, Sturm?! - Im Rohr der Nebel gärt, die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert: Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab! Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen! Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen! Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!
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Interpretation
Das Gedicht "Bergpsalm" von Richard Dehmel ist ein eindringliches Werk, das die Natur und die menschliche Seele in einer tiefen, emotionalen Verbindung darstellt. Der Sturm, der seine "Schlangen" loslässt, symbolisiert die aufgewühlten Gefühle des lyrischen Ichs, das sich nach Einsamkeit und Klarheit sehnt. Die Natur wird als Spiegel der inneren Unruhe und Sehnsucht dargestellt, wobei der Sturm und die Weiden als Ausdruck von Leid und Sehnsucht dienen. Im zweiten Teil des Gedichts richtet sich der Blick des lyrischen Ichs auf die Heimat, die als Ort der Sehnsucht und des Friedens dargestellt wird. Die Erinnerungen an die Mutter und die Kindheit stehen im Kontrast zur aktuellen Unruhe und dem Gefühl der Fremdheit. Der Sturm, der nach dem Warum fragt, symbolisiert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Wunsch, die Sehnsucht in Taten umzusetzen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Stadt als Symbol für die moderne Welt und ihre Probleme dargestellt. Die Arbeit und die Sehnsucht nach Glück und Frieden werden als treibende Kräfte in der Gesellschaft gezeigt. Das lyrische Ich ruft dazu auf, die Kraft aus den Gefühlen zu schöpfen und in Taten umzusetzen, um frei von Schuld und Reue zu werden. Die Liebe und die Sehnsucht werden als treibende Kräfte in der Zeit dargestellt, die aus dem Zorn und der Not der Menschen hervorgehen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- zerschlagenen Weiden seufzen laut empor
- Hyperbel
- ein Aufschrei von Millionen Zungen
- Metapher
- Empor aus deinem Rausch
- Parallelismus
- Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!
- Personifikation
- die Kiefer knarrt und ächzt