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Ben Haly

Von

Gelehrter Kenner der Gesetze,
Bei dem im Herzen Recht, im Munde Wahrheit gilt;
Der nie mit müßigem Geschwätze
Hammoniens Gericht erfüllt!

Nicht nur die Einsicht trüber Sachen;
Auch ein durch Ernst gemäßigt Lachen,
Auch Witz und Dichtkunst steht dir an.

Erlaube mir, so gut ich kann,
Den rechtserfahrnen Muselmann,
Ben Haly dir bekannt zu machen.

Ein Türk′, der von Byzanz auf ferne Reisen eilet,
Besucht zum Abschied seinen Freund,
Den er getreu zu sein vermeint,
Mit dem er oft sein Leid, und stets die Freude theilet.

Er spricht: Mich hat mit dir die beste Wahl vereint.
Du weißt, wieviel ich schon durch Fleiß und Glück erworben;
Nur etwas ist dir unbekannt:
Mein Schwager Amurat, der in Algier gestorben,
Hat mir den feinsten Diamant
Durch ein Vermächtniß zugewandt.
Hier ist er! Ich bemerk′s, auch dich erfreut mein Glück.
Dir dank ich für das Freundschaftszeichen.
Verwahr′ ihn! dir allein darf ich ihn überreichen:
Nimm ihn für mich in Acht; ich komme bald zurück.

Es sei! versetzt Orchan, mein Selim kann gebieten;
Orchan wird jeden Augenblick
Dies Kleinod wie sein Auge hüten;
Er, dein Getreuer bis ins Grab.
Drauf folgt ein Abschiedskuß; der Reisende geht ab.

Allein, wo soll man Seelen finden,
Die nicht auf Eigennutz die Heuchlerdienste gründen?
Wo ist nicht Treu′ und Glaube schwach?
Die Lust, wann wir die Zeit ersehen,
Den Nächsten schlau zu hintergehen,
Schleicht Bösen aller Orten nach:
Den Christen in ihr Betgemach;
Und Muselmännern in Moscheen.

Der frohe Selim kömmt in Pera wieder an,
Und rennt, sein Kleinod abzuholen,
Das er, zu treuer Hut, dem falschen Freund empfohlen.
Der aber lacht, und spricht: Ist Selim nicht ein Mann,
Der unvergleichlich scherzen kann? …
Was? Scherzen? Gab ich nicht? … Ja, weil ich′s rühmen soll:
Du gabst mir einen Kuß, der war recht freundschaftsvoll …
Wo ist mein Diamant? … Dein Diamant! dir träumt …
Hier sind nicht viele Reden nöthig.
Fort! mit zum Cadi! nicht gesäumt! …
Ja, ja, mein Herr, ich bin′s erbötig.

Sie eilen zum Ben Haly hin,
Das war des Cadi Nam′; und in des Sultans Reichen
War ihm an Billigkeit kein Haly zu vergleichen,
Dafern ich recht berichtet bin.
Der arme Selim sucht dem Richter seine Klagen
Mit vielen Worten vorzutragen.
Er denkt, ein langer Satz scheint manchem Richter schön.
Orchan lärmt zehnmal mehr. Dem Kläger fehlen Zeugen.
Er gibt zum öftern zu verstehn,
Bei einem Baume sei′s geschehn.
Das hilft ihm wenig; Bäume schweigen.

Beim Allah! schwört Orchan: der Kläger schwatzt im Traum;
Ich kenne beide nicht, kein Kleinod, keinen Baum.
Hört! spricht der Cadi drauf, noch ist hier kein Beweis.
Kennt Selim noch den Baum? … Wie sollt′ ich den nicht kennen! …
Verziehe nicht, dahin zu rennen,
Und hole mir sofort ein Reis.

Er geht. Ben Haly setzt sich nieder;
Und endlich fragt er mit Verdruß:
Wie kömmt′s, daß man hier warten muß?
Kömmt denn dein Gegner noch nicht wieder?
Von Rechten hat er nichts gelernt.
Was will er, daß sein Baum beweise?
Ist dieser Baum so weit entfernt?
Braucht′s, ihn zu finden, einer Reise?

Nein, einer Reise braucht es nicht;
Der Baum ist nahe g′nug … Entdeckter Bösewicht!
(Ruft Haly zürnend aus) vor einer halben Stunde
War weder Baum noch Diamant,
So wie du schwurest, dir bekannt;
Und nun verdammst du dich mit deinem eignen Munde.
Wohlan! daß jetzt, vor aller Welt,
Ein jeder das, was ihm gebührt, empfange!
Dem Selim werde flugs sein Kleinod zugestellt!
Orchan bereite sich zum Strange!

Der Türk′ besaß die Klugheit nicht,
Die vielen Christen Häuser bauet,
Da mit so blinder Zuversicht
Kein Bruder hier dem andern trauet.
Der Irrthum alter deutscher Treu′
Ist mit der alten Zeit vorbei.
Wir sind der höhern Kunst Exempel;
Die Einfalt nahm den Handschlag an.
Was fordert jetzt ein kluger Mann?
Verschreibung, Zeugen, Pfand und Stempel.

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Gedicht: Ben Haly von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ben Haly“ von Friedrich von Hagedorn ist eine lehrreiche Fabel, die von Verrat, Gerechtigkeit und dem Wandel von Werten handelt. Im Zentrum steht die Geschichte von Selim, der seinem Freund Orchan einen wertvollen Diamanten zur sicheren Verwahrung anvertraut, während er auf Reisen geht. Doch Orchan, getrieben von Gier und Hinterlist, verleugnet später die Übergabe des Diamanten und Selims Ansprüche.

Die Handlung spitzt sich zu, als Selim und Orchan vor dem Cadi Ben Haly erscheinen, einem Richter, der für seine Gerechtigkeit bekannt ist. Selim versucht, seine Geschichte zu erzählen, aber Orchan kontert mit Lügen und Leugnungen. Ben Haly erkennt die Wahrheit durch geschicktes Fragen und die geschickte Nutzung der eigenen Worte Orchans. Er entlarvt die Falschheit und spricht ein gerechtes Urteil, indem er Selim seinen Diamanten zurückgibt und Orchan für seine Untreue bestraft.

Das Gedicht zeichnet sich durch eine klare moralische Botschaft aus. Es kritisiert die zunehmende Korruption und den Verlust von Vertrauen in der Gesellschaft. Hagedorn kontrastiert die vermeintliche Freundschaft und Treue mit der Wirklichkeit von Eigennutz und Betrug. Die Figur des Ben Haly verkörpert dabei die Tugend der Gerechtigkeit und der Fähigkeit, durch scharfsinnige Beobachtung und kluge Fragen die Wahrheit aufzudecken.

Darüber hinaus enthält das Gedicht einen Kommentar zur Veränderung der gesellschaftlichen Werte. Die Verse am Ende des Gedichts, in denen die „alte deutsche Treu'“ kritisiert wird, deuten auf einen Wandel hin zu einer Welt, in der Misstrauen und Vorsicht anstelle von blindem Vertrauen herrschen. Dies spiegelt die wachsende Komplexität und die zunehmende Distanzierung der Menschen voneinander wider.

Insgesamt ist „Ben Haly“ eine kunstvoll erzählte Fabel, die sowohl eine unterhaltsame Geschichte als auch eine tiefgründige Reflexion über menschliche Natur, Gerechtigkeit und den Wandel der Gesellschaft bietet. Hagedorn nutzt die Geschichte, um die Leser zu ermahnen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, die Bedeutung von Ehrlichkeit zu erkennen und sich vor den Fallstricken der Gier und des Betrugs zu hüten.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.