Belloisens Lebenslauf
1792Ich ward geboren ohne feierliche Bitte Des Kirchspiels, ohne Priesterflehn Hab ich in strohbedeckter Hütte Das erste Tageslicht gesehn, Wuchs unter Lämmerchen und Tauben Und Ziegen bis ins fünfte Jahr, Und lernt′ an einen Schöpfer glauben, Weil′s Morgenroth so lieblich war, So grün der Wald, so bunt die Wiesen, So klar und silberschön der Bach. Die Lerche sang für Belloisen, Und Belloise sang ihr nach. Die Nachtigall in Elsensträuchen Erhub ihr süßes Lied, und ich Wünscht′ ihr im Tone schon zu gleichen. Hier fand ein alter Vetter mich Und sagte: du sollst mit mir gehen. Ich ging und lernte bald bei ihn Die Bücher lesen und verstehen, Die unsern Sinn zum Himmel ziehn. Vier Sommer und vier Winter flogen Zu sehr beflügelt uns vorbei; Des Vetters Arm ward ich entzogen Zu einer Bruderwiege neu. Als ich den Bruder groß getragen, Trieb ich drei Rinder auf die Flur, Und pries in meinen Hirtentagen Vergnügt die Schönheit der Natur, Ward früh ins Ehejoch gespannet, Trugs zweimal nach einander schwer, Und hätte mich wol nicht ermannet, Wenn′s nicht den Musen eigen wär, Im Unglück und in bittern Stunden Dem beizustehn, der ihre Huld Vor der Geburt schon hat empfunden. Sie gaben mir Muth und Geduld, Und lehreten mich Lieder dichten, Mit kleinen Kindern auf dem Schooß. Bei Weib- und Magd- und Mutterpflichten, Bei manchem Kummer, schwer und groß, Sang ich den König und die Schlachten, Die Ihm und seiner Heldenschaar Unsterblichgrüne Kränze brachten, Und hatte noch manch saures Jahr, Eh frei von andrer Pflichten Drang Mir Tage wurden zu Gesang!
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Interpretation
Das Gedicht "Belloisens Lebenslauf" von Anna Louisa Karsch schildert das Leben der Dichterin von ihrer Geburt bis zu ihrem Aufstieg als Schriftstellerin. Die Erzählung beginnt mit ihrer bescheidenen Herkunft, geboren ohne kirchliche Zeremonien in einer strohgedeckten Hütte. Die Kindheit ist geprägt von einer engen Verbindung zur Natur, die ihren Glauben an einen Schöpfer formt. Die Lieder der Vögel und die Schönheit der Umgebung wecken ihre ersten poetischen Impulse. Ein Wendepunkt im Leben der Dichterin ist die Begegnung mit einem alten Vetter, der sie mit auf seinen Lebensweg nimmt. Unter seiner Anleitung lernt sie lesen und verstehen, was ihren geistigen Horizont erweitert. Doch auch diese Phase endet, als sie zu einer neuen Familie, symbolisiert durch eine "Bruderwiege", wechselt. Ihre Rolle als Pflegerin und später als Ehefrau und Mutter prägt ihr weiteres Leben. Trotz der Herausforderungen und des "sauren Jahres" findet sie in der Dichtkunst Trost und Kraft, die ihr Mut und Geduld schenkt. Das Gedicht schließt mit dem Aufblühen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, die erst möglich wird, als sie von anderen Pflichten befreit ist. Ihre Lieder preisen den König und seine Heldenschar, was auf ihre patriotische Gesinnung und ihre Verbundenheit mit den Idealen ihrer Zeit hindeutet. Die Lebensgeschichte der Dichterin ist somit eine Reise von der bescheidenen Herkunft über die Entdeckung der Poesie bis hin zur Anerkennung als Schriftstellerin, die trotz aller Widrigkeiten an ihrem Traum festhält.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Bei Weib- und Magd- und Mutterpflichten
- Anapher
- Bei Weib- und Magd- und Mutterpflichten
- Bildsprache
- So grün der Wald, so bunt die Wiesen
- Hyperbel
- Vier Sommer und vier Winter flogen zu sehr beflügelt uns vorbei
- Kontrast
- Im Unglück und in bittern Stunden... Sie gaben mir Muth und Geduld
- Metapher
- Ohne feierliche Bitte des Kirchspiels
- Personifikation
- Der Lerche sang für Belloisen
- Symbolik
- Die Lerche und die Nachtigall als Symbole für Freiheit und Naturverbundenheit
- Vergleich
- So klar und silberschön der Bach