Bekenntnis

Ludwig Thoma

1867

Ihr wünschtet heute wohl von dem Poeten, Dass er nicht still sei, sondern seine Stimme Vermische mit dem Schall der Kriegstrompeten Und so wie ihr in Siegesjubel schwimme.

Ich will, wo alle laut sind, lieber schweigen. Ist euer Eifer echt, dann mag er gelten, Und hab′ ich unrecht, sollt ihr mir es zeigen, Doch ungehört dürft ihr nicht schlecht mich schelten.

Was gibt uns Grund zum überlauten Lärmen, Zu großen Reden, schmetternden Fanfaren? Schon mehr als einmal brachte tolles Schwärmen Der deutschen Heimat drohende Gefahren.

Dem Manne, sagt ihr, zieme frisches Wagen Und löblich sei es, in das Reich der Mitte Den Überfluss von Christentum zu tragen Und unsern Vorrat an Kultur und Sitte.

Den phrasenreichen Eifer lasst euch dämpfen, Und stimmt herab die hochgespannten Töne! Seht ihr denn nicht an eurer Seite kämpfen Des frommen Englands blutbeschmierte Söhne?

Ich hör′ euch reden von des Landes Ehre; Der opfert willig ihr die deutsche Jugend. Für Einen sterben Tausend. — Eure Lehre Ist wahrlich streng und eisern eure Tugend.

Vor solchen Helden kann ich nur erschauern, Und wünsch′ von Herzen euch in bangen Sorgen: Es möge eure Freude überdauern Nicht bloß das Heute, sondern auch das Morgen.

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Illustration zu Bekenntnis

Interpretation

Das Gedicht "Bekenntnis" von Ludwig Thoma ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem patriotischen Überschwang und der Kriegsbegeisterung während des Ersten Weltkriegs. Der Dichter distanziert sich von den lautstarken Forderungen nach kriegerischem Eifer und Siegesprahlerei. Er plädiert für eine zurückhaltendere Haltung und warnt vor den Gefahren eines übermäßigen Nationalismus, der bereits in der Vergangenheit zu bedrohlichen Situationen für Deutschland geführt hat. Thoma kritisiert die Phrasendrescherei und den hochtrabenden Jargon, mit dem der Krieg gerechtfertigt und verherrlicht wird. Er weist darauf hin, dass auch die englische Seite, die oft als Gegner dargestellt wird, aus frommen und tapferen Menschen besteht. Der Dichter hinterfragt die Opferbereitschaft, die von der Jugend gefordert wird, und deutet an, dass der hohe Blutzoll für das Land nicht gerechtfertigt ist. Er spricht von einer "eisernen Tugend", die zwar streng und diszipliniert ist, aber auch kalt und gefühllos gegenüber dem menschlichen Leid. Abschließend drückt Thoma seine Besorgnis über die Helden aus, die den Krieg begeistert unterstützen. Er wünscht ihnen, dass ihre Freude und ihr Jubel nicht nur von kurzer Dauer sein mögen, sondern auch die Zukunft überdauern. Damit impliziert er, dass der gegenwärtige Enthusiasmus für den Krieg langfristig negative Konsequenzen haben könnte und dass die wahren Kosten erst in der Zukunft sichtbar werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
schmetternden Fanfaren
Hyperbel
Für Einen sterben Tausend
Ironie
Eure Lehre Ist wahrlich streng und eisern eure Tugend
Kontrast
Ich will, wo alle laut sind, lieber schweigen
Metapher
des frommen Englands blutbeschmierte Söhne
Personifikation
des frommen Englands blutbeschmierte Söhne